Parteiungen statt Union?

 – eine andere 200jährige Landeskirchengeschichte Badens

 

Teil 2: 1850 bis 1871

(siehe auch: Kirchengeschichte Teil VIII bis XI)

 

 

Die lutherische Separation 1850/511

Seit 1850/1851 gab es und gibt es bis heute auf dem Gebiet der Landeskirche Baden eine lutherische Freikirche, mit verschiedenen örtlichen Gemeinden. Als 1851 einzelne Pfarrer und Laien mit ihren Gemeinden aus der Landes-kirche austraten (und sich zunächst der lutherischen Kirche im unierten Preußen anschlossen), sprach man von einer lutherischen Separation, ein Begriff, den die Betroffenen ablehnen, noch viel weniger wollten sie sich eine Sekte nennen lassen.

Diejenigen, die sich nun entschieden als Lutheraner bekannten, standen in der Tradition der von Aloys Henhöfer ausgehenden badischen Erweckungsbewegung, für welche die neue unierte badische Landeskirche nicht bibeltreu genug und vor allem mit ihrem Unionskatechismus von 1830 bzw. 1834 nicht den lutherischen Bekenntnisschriften getreu war.

Hauptinitiator dieser lutherischen Bekenntnisbewegung war Carl Eichhorn (1810‒1890), damals Pfarrer in Nußloch im Kirchenbezirk Oberheidelberg. Er trat am 3. November 1850 aus der Landeskirche aus und schloss sich den preußi-schen Lutheranern an, gründete jedoch schon 1851 eine lutherische Gemeinde in Ihringen im Kirchenbezirk Frei-burg. Eichhorn war 1831 nicht unter den Kritikern des Landeskatechismus gewesen, später dann aber befreundet mit Karl Mann, einem der “sieben Aufrechten“ von damals. Für das von Mann herausgegebene Volksblatt „Das Reich Gottes“ (seit 1844), lieferte er viele Beiträge.

 

Carl Eichhorn

 

Ein anderer aus dem Henhöferkreis von 1831, Georg Friedrich Haag (1806‒1875) schloss sich 1856 ebenfalls den freikirchlichen Lutheranern an und stiftete 1862 die freilutherische Gemeinschaft auf dem Sperlingshof bei Remchingen zwischen Durlach und Pforzheim. Ein dritter austretender Pfarrer war Max Frommel (1830‒1890), aus der Großfamilie Frommel, zwei Jahre jüngerer Bruder des bekannten Theologen und Schriftstellers Emil From-mel. Max Frommel war 1858‒1880 Pfarrer der Separationsge-meinde Ispringen bei Pforzheim. In Ispringen gibt es bis heute ökumenisch-friedlich nebeneinander eine landeskirchliche und eine lutherisch-freikirchliche Siloah-Gemeinde. Aufnahme: Frank Martin Brunn) Diese ist die älteste der heute noch sechs luthe-rischen Gemeinden in Baden, die zusammengeschlossen sind in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Baden / ELKiB, mit knapp 3500 Mitgliedern. (Die ELKiB gehört nicht zur deutschlandweiten SELK, der Selbständigen Evangelisch-lutherischen Kirche.)

 

Die positive Amtszeit Carl Ullmanns und Karl Bährs, 1853 - 1861

1853 endete die Prälatenzeit von Ludwig Hüffell (1784‒1856); 1846 hatte er mit einer Schrift über den Pietismus (104 S.) versucht, für einen Ausgleich zwischen den theologisch-kirch-lichen Gegnern zu sorgen. Auf Hüffell folgte als Prälat der Hei-delberger Professor und Vermittlungstheologe Carl Ullmann (1796 ‒1865), 1856 wurde dieser Oberkirchenratsdirektor. Oberkirchenrat war seit 1843 Karl Bähr (1801‒1874), Sohn von Johannes Bähr und Schwiegervater von Emil Frommel.

 

Die Generalsynode 1855

und der Agendenstreit, 1858 - 1860

 

Ullmann und Bähr prägten die Generalsynode von 1855, für die die bisherigen Kirchenbücher der Union im positiven Sinn neu-bearbeitet und dann 1857/58 herausgebracht wurden: Hebels Biblische Geschichten von 1824, der Unions-katechis-mus von 1830 bzw. 1834 und durch Bähr die Agende („Kirchenbuch“) und das Gesangbuch von 1836. Der neuen Agende warfen ihre Gegner katholisierende Tendenzen und den Versuch einer liturgischen Überfremdung vor, woraus der  Agendenstreit von 1858 - 1860 entstand. Es erschienen Kleinschriften und Presse-artikeln, ja sogar Petitionen einzelner Gemeindeglieder oder ganzer Gemeinden aus dem einst reformierten Unterland an den Großherzog. Dieser ließ es schließlich bei einer Einfüh-rungsverordnung ohne jeden Zwang und einem gestatteten Minimum bewenden. Sachlich ging es um folgende Streitpunkte der neuen Gottesdienstordnung2: um ihre Nähe zur lutherischen Messe, um die Responsorien, also die Wechselgesänge (als „Plapperwerk“), um die priesterliche Stellung des Geistlichen, um das Verkürzen der Predigt, um den der Altar als heiligen Ort, das das Knieen.

 

Karl Bähr

Carl Ullmann

 

Die Polemik gegen den Oberkirchenrat nahm an Schärfe zu. Sie ging vor allem von Heidelberg und dem dortigen Predigerseminardirektor Professor Daniel Schenkel (1813‒1885) aus3 und gipfelte in der Forderung, dass in der Kirchenleitung die verschiedenen theologischen Richtungen vertreten sein müssten. Ziel war es, den gesamten positiven Oberkirchenrat, insbesondere Ullmann und Bähr, aus ihren Ämtern zu vertreiben. Weil er keine positive Wirkungsmöglichkeit mehr sah und vor den permanenten Angriffen der Opposition keinen Schutz von Seiten des Großherzogs und der Regierung erwarten konnte, trat Ullmann am 1. Januar 1861 von seinem Amt zurück. Seinem Schritt folgte Bähr wenige Tage später.

 

Neue kirchenpolitische Gruppen und Periodika

In den 1850er Jahren veranstalteten sowohl Positive wie Liberale Pfarrkonferenzen, aus denen in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr zwei organisierte kirchenpolitische Vereinigungen: 1887 die positive Evangelische Konferenz, seit 1920 Kirchlich-positive Vereinigung / KPV genannt; 1859 die liberale Durlacher Konferenz, seit 1892 die Kirchlich-liberale Vereinigung / KLV genannt. Seit 1896 gab es eine Mittelpartei, die Landeskirchliche Vereinigung / LKV. Diese drei Kirchenparteien brachten für ihrer Anhänger Periodika heraus:

Am Sonntag, dem 1. Januar 1860 erschien, im Anschluss an die Zeit der positiven Jahre unter Ullmann die Nr.1 eines neuen Sonntagsblatts, herausgebracht vom Evangelischen Schriftenverein in Karlsruhe, einer Einrichtung des 1849 gegründeten Evangelischen Vereins für Innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses, kurz AB-Verein. Nach dem Vorwort handelte es sich ausdrücklich nicht nur um ein bewusst evangelisches Kirchen-, sondern ebenso um ein Volksblatt, also mit volksmissionarischen, evange-listischen Zielen.

Am Montag, dem 2. Januar 1860 erschien als kritische Gegenschrift  in Heidelberg die Nr. 1 eines Wochenblatts liberaler badischer Theologen. Nach dem Eingangstext „Was wir wollen“ bewusst nicht als Erbauungsblatt, sondern für protestantische Geistliche und Gemeindeglieder zur kritischen Wahrnehmung der kirchlichen Situation. Über-raschend direkt ist vom „Sieg der Rückschrittsparthei in der evangelischen Kirche“, von „neumodischer Kirchenthü-melei“, von „kirchlicher Reaction“ die Rede. „So erlebte dann unsere evangelische Landeskirche ihre Generalsynode von 1855, die es sich zur Aufgabe setzte, so ziemlich das ganze Kirchenwesen nach den Grundätzen der protestan-tischen Rückschrittsparthei umzugestalten.“ Der Agendenstreit habe daran nur wenig geändert. ‒ Später wurde das Wochenblatt das Presseorgan des Protestantenvereins von 1863 (siehe unten)

Fast 40 Jahre später, nachdem seit 1871 die Auseinandersetzungen mehr und mehr von Einmütigkeit abgelöst wurden, erschien ab Mitte Oktober 1897 ein monatliches Korrespondenzblatt der 1896 gegrün-deten Mittelpartei. Nach der Nummer 1 zu schließen, in der die schrift-stellernden, gemäßigt liberalen Pfarrer Adolf Schmitthenner und Otto Frommel zu Wort kamen, war es mehr ein Erbauungsblatt für Mitglieder als kirchenpolitisch.

 

Beginn der liberalen Ära 1860

Der Wechsel vom positiven Kirchenregiment Ullmann zur sog. Neuen Liberalen Ära in Staat und Kirche ab 1860/61 – mit der Osterproklamation des Großherzogs vom 7. April 1860, einer weiteren Generalsynode 1861 und dem Be-schluss einer neuen Kirchenverfassung, laut der der Oberkirchenrat aus dem Innenministerium ausgegliedert und zu einer selbständigen Behörde wurde, kann hier nicht im Einzelnen dargestellt werden Vielmehr geht es nach wie vor um die Frage: Parteiungen oder Union innerhalb der Landeskirche.

 

 

 

Deutscher Protestantenverein

Obwohl der Sieg des Liberalismus in Kirche und Theologie sich erst in den folgenden Jahren deutlich zeigte, veröffentlichte das inzwischen 72-jährige Haupt der Erweckungs-bewegung Aloys Henhöfer schon 1861, ein Jahr vor seinem Tod die Schrift: Der Kampf des Unglaubens mit Aberglauben und Glauben (57 S.). Ohne den mit „Unglauben“ gemeinten Rationalismus und Liberalismus zu nennen oder gar den Namen von dessen Hauptvertreter, dem Heidelberger Predigerseminardirektor Schenkel, war es wohl vor allem dessen Polemik im Agendenstreit, die Henhöfer zu seiner Schrift veranlasste. Mit Aberglauben war die katholische Glaubensweise gemeint, mit Glauben die Bibel- und Bekenntnistreue der Positiven.

1863 wurde auf Initiative der Badener Karl Zittel und Daniel Schenkel und unter Beteiligung weiterer liberaler Badener in Frankfurt am Main der gerade auch für Laien offene Deutsche Protestantenverein gegründet.

 

 

Schenkelstreit, 1864 - 1867

 

In den Jahren 1864 ‒ 1867 ereignete sich der sog. Schenkelstreit, der wohl heftigste theologische Streit in der Geschichte der badischen Landeskirche. Professor Schenkel, von Hause aus reformierter Schweizer, veröffentlichte im Februar 1864 sein über 400 Seiten umfassendes Buch Das Charakterbild Jesu.  Auf das Titelblatt setzte er als Motto ein angeblich von Goethe stammendes Zitat, mit dem er sich an Henhöfers Buchtitel orientierte, ohne allerdings deutlich werden zu lassen, wer den Glauben und wer den Unglauben vertritt:

Daniel Schenkel

 

 

„Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Conflikt des Unglaubens und Glaubens. ‒ Göthe.“ Das Buch stellte an die Stelle des Christus als Erlöser mit Jungfrauengeburt und Auferstehung gemäß der beanspruchten freien Schriftforschung den Menschen Jesus. Mehr noch als der Katechismusstreit rief Schenkels buch eine Flut von Kritik hervor: Gegenschriften, Eingaben an die Kirchenregierung, Flugblätter, gerade auch von Laien, und über Baden hinaus. Ein anonym verfasstes, im August 1864 in ganz Baden verbreitetes Flugblatt von 8 Seiten wandte sich an alle evangelischen Christen mit der Aufforderung, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Vermutlich stammt das Flug-blatt  von dem engagierten Freiburger Gemeindeglied, Sozialpolitiker und Seidenfabrikanten Carl Mez (1808 - 1877).

 

Außer um die damit gegebene Frage der Christologie ging es in dem vielstimmigen, das ganze Jahr über an-haltenden Streit um die Freiheit der theologischen For-schung und zugleich um den seit 1838 bestehenden Predigerseminar-Zwang für alle badischen Pfarramts-kandidaten wegen des Seminardirektors Schenkel. Der Streit endete damit, dass auf der Generalsynode von 1867 Schenkel die Leitung des Predigerseminars ent-zogen, dieses statt als Einrichtung der Landeskirche nun der Theologischen Fakultät der Universität Heidel-berg angegliedert wurde und die Pfarramtskandidaten vom Seminarzwang freigestellt wurden.

 

Wissenschaftlicher Predigerverein 1865

Eine weitere Folge des Schenkelstreits war die Grün-dung des Wissenschaftlichen Predigervereins schon im April 1865. In ihm sollten sich Pfarrer über wissenschaft-liche Aspekte der Theologie informieren und austau-schen können. Die Einladung zur Gründung veröffent-lichten 33 meist liberale Pfarrer und Theologieprofes-soren im Süddeutschen evangelisch-protestantischen Wochenblatt, unter ihnen Richard Rothe (1799‒1867), Daniel Schenkel und Vater Karl Zittel (1802‒1871) und Sohn Emil Zittel (1831‒1899). Ein Vertreter der Posi-tiven befand sich nicht darunter. Im Gegenteil, sie re-agierten in ihrem Evangelischen Kirchen- und Volks-blatt ablehnend, unter Hinweis auf ihre seit 1863 existierende Landespredigerkonferenz, behauptend, „daß das Bedürfniß gründlicher wissenschaftlicher Vertiefung in die Heilige Schrift und gemeinsamer Be-sprechung theologischer Fragen bei uns schon längst vorhanden ist“.

Auf der zweiten Versammlung des Predigervereins noch im Gründungsjahr 1865 wurde statt des umstrittenen Seminardirektors Schenkel der neutralere, noch junge Hofprediger Karl Doll (1827‒1905, ab 1877 Prälat) gewählt.

 

Die „Friedenssynode“ 1871, Unionsjubiläum

Nachdem mit der Aufhebung des Seminarzwangs auf der Generalsynode 1867 der Schenkelstreit im Sinne der Positiven beendet zu sein schien, bemühten sich beide Parteien auf der folgenden Generalsynode von 1871 weiter um Ausgleich und Gemeinsamkeit, so dass diese als eine „Friedenssynode“ in die Landeskirchengeschichte einging.

Das war auf der einen Seite beson-ders das Verdienst des um Versöh-nung bemühten konservativen Pfar-rers, zeitweiligen Oberkirchenrats und Landespolitikers Karl Mühl-häußer (1825‒1881), auf der ande-ren Seite auch mit dadurch verur-sacht, dass 1871 das 50jährige Ju-biläum der Union begangen wurde, für dessen Feier sich besonders der Pfarrer und Orientalist und liberale Publizist Johann Jakob Kneucker (1840‒1909) einsetzte, der sogar, angesichts der Proklamation des Deutschen Reichs im Januar 1871, von einer deutschen Nationalkirche,

Karl Mühlhäußer

Johann Jakob Kneucker

einschließlich der katholischen Kirche, also einer Union von Protestanten und Katholiken träumte.

 

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1 Frank Martin Brunn, Union oder Separation? Eine Untersuchung über die hist., ekklesiolog. u. rechtl. Aspekte der luth. Separation in Baden in der Mitte des 19. Jh’s, Karlsruhe: PV-Medien Verlag 2006 (VVKGB, 64; Diss. Heidelberg 2004), XI, 453 S.

 

2 Nach: Geschichte der badischen evangelischen Kirche seit der Union 1821 in Quellen, 1996, S. 159‒162 (Cramer / Wüstenberg, Quellenauszüge aus einem Originaldruck Darmstadt 1859).

 

3 Schenkel könnte auch der Verfasser des quellenmäißig in Fußnote 2 genannten Einspruchs der Heidelberger Kirchengemeinde gegen die neue Kirchenagende während des Agendenstreits gewesen sein.

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© Gerhard Schwinge