Parteiungen statt Union?

 – eine andere 200jährige Landeskirchengeschichte Badens

 

Teil 3: 1871 bis 1914 und ein Ausblick bis 1945

 

 

In den folgenden Abschnitten dieses Teils 3 soll in Kürze und an einzelnen Vertretern der jeweiligen theologisch-kirchlichen Richtungen aufgezeigt werden, dass es auch nach der Friedenssynode von 1871 bis heute während der verschiedenen politischen Zeiten weiterhin konträre kirchliche Gruppierungen gab. Letztlich waren es immer wieder die Parteiungen: (ehemals lutherisch-) positiv versus (ehemals reformiert-) liberal.

1871‒1914 (Kaiserreich)

(siehe auch: Kirchengeschichte, Teil XI und XII und 2. Zwischenbilanz)

Nachdem zu Beginn des Jahres 1871 das Deutsche Reich mit kaiserlicher Monarchie entstanden war, hörten die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen nicht auf, trotz einer „Friedenssynode“ und obwohl vereinzelt eine überkonfessionelle deutsche Nationalkirche gefordert wurde (durch Johann Jakob Kneucker, s. Lebensbilder). Vielmehr konsolidierten sich die verschiedenen Kirchenparteien. Im allgemeinpolitischen Raum entstand zumal, nach vorausgehenden Ansätzen 1848 und 1869, die bald zu Contra und Pro polarisierende Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, begünstigt durch die wachsende Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum, besonders der Städte.

Das Nebeneinander, manchmal das Gegeneinander der beiden kirchenpolitischen Hauptparteien setzte sich neu organisiert fort. Hinzu kam eine neue „Mittelpartei: 1887 gaben sich die Positiven den Namen Evangelische Konferenz, wobei „evangelisch“ durchaus programmatisch verstanden werden sollte, im Gegensatz zu dem liberalen „protestantisch“. 1920 erfolgte dann, zur Unterscheidung von der KLV der Namenswechsel zur Kirchlich-positiven Vereinigung / KPV. ‒ 1892 nämlich hatten sich die Liberalen zur Kirchlich-liberalen Vereinigung / KLV zusammengeschlossen. ‒ Doch gab es auch Kräfte, die sich um Ausgleich und um Zusammenführung bemühten; so entstand 1896 eine Landeskirchliche Vereinigung / LKV. – Diese drei Kirchenparteien bestimmten in den nächsten Jahrzehnten die kirchenpolitische Szene in Baden, besonders durch ihre jeweiligen, in zwei Fällen mit Vorgängerinnen damals schon lange existierenden Presseorgane: die positive Sonntagszeitung Evangelisches Kirchen- und Volksblatt (1860‒1941); die liberale Wochenzeitung Süddeutsches evangelisch-protestantisches Wochenblatt, mit Fortsetzungen unter anderen Titeln (1860‒1933); das neutrale Organ Korrespondenzblatt der Landeskirchlichen Vereinigung 1897‒1919; fortgesetzt durch die Landeskirchlichen Blätter für Baden (1919‒1934).

Der 1886 gegründete Evangelische Bund zur Unterstützung evangelischer Gemeinden in der Diaspora und der 1892 gegründete Badische Pfarrverein suchten „überparteilich“ ebenfalls Mitglieder aus allen Gruppierungen zu gewinnen.

Dennoch gab es nach wie vor den Gegensatz zwischen den Liberalen und den Orthodoxen, wie es jetzt hieß. Wortführer der Liberalen war der Pfarrer an der Karlsruher Christuskirche Georg Längin. (s. Lebensbilder)

 

Georg Längin

 

Vor allem Andern erregte zwischen 1891 und 1914 der sog, Apostolikumsstreit die Parteien.

(Vgl. Geschichte der badischen evangelischen Kirche seit der Union 1821 in Quellen, Karlsruhe 1996, S. 256‒259.)

 

 

Die Liberalen Längin und Wilhelm Brückner, (s. Lebensbilder) Pfarrer an der Johannis-kirche Karlsruhe, und viele andere forderten, in Taufe und Konfirmation künftig auf das verpflichtende Apostolische Glaubensbekenntnis wegen seiner christologischen Bekenntnisaussagen zu verzichten, worauf ein Sturm der Empörung entbrannte, nicht nur im unmittelbar kirchlichen, sondern auch von Laien im säkularen Raum.

Wilhelm Brückner

 

Innerhalb dieses Sturms der Entrüstung, auch in der säkularen Presse, forderte der Karlsruher Städtebauer und Professor an der Technischen Hochschule Reinhard Baumeister (nach ihm die Baumeisterstraße) im Organ der Positiven, dem Korrespondenzblatt für die Evangelische Konferenz in Baden, die Kirchenleitung in einem Beitrag zum „Fall Längin“ auf, gegen die zu freie Verkündigung der Geistlichen einzuschreiten. Darauf folgten jedoch Soli-daritätsbezeugungen vieler liberaler Pfarrer sowie neue Gegenschriften, außer von Längin ebenso von Brückner. Dieser forderte konkret, bei Taufe und Konfirmation ein verkürztes Glaubensbekenntnis zu gebrauchen. Der Ober-kirchenrat beschränkte sich in all den Jahren 1892 bis 1894 darauf, mit Hinweis auf die Freiheit der Meinungsäu-ßerung zu Frieden und Eintracht zu ermahnen (kirchliches Gesetzes- und Verordnungsblatt 1894, S. 102). Mit Längin, Brückner und Baumeister waren also drei bekannte Karlsruher Bürger gleichzeitig öffentlich an dem Konflikt beteiligt.

Reinhard Baumeister

 

 

Bei weitgehend neutralem Verhalten der Kirchenleitung zog sich der Streit bis zur Generalsynode von 1914 hin. An deren Ende, kurz vor Beginn des Welt-kriegs, ermahnte der Oberkirchenratspräsident Albert Helbing die Kontra-henten ausgleichend als „ungleiche Brüder“ – uneins, aber doch Geschwister ‒ zur Einmütigkeit. Der Krieg ließ dann alles ruhen. Es blieb aber selbstver-ständlich beim Gebrauch des Apostolischen Glaubensbekenntnisses als dem ältesten und verbreitesten Glaubensbekenntnis der Christenheit.

1919‒1933 (Weimarer Republik)

siehe Kirchengeschichte, Teil XIII

Es stehen sich Kirchlich-Positive und Religiöse Sozialisten gegenüber.

1933‒1945 (NS-Zeit)

siehe Kirchengeschichte, Teil XIV

Es stehen sich Deutsche Christen und Badische Bekenntnisgemein-schaft gegenüber.                                                                                                                 Albert Helbing                                                                                                     

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