Parteiungen statt Union?

 – eine andere 200-jährige Landeskirchengeschichte Badens

 

Teil 4: 1919 bis 1933

 

(siehe auch Kirchengeschichte Teil XIII) 

 

 

In diesem Teil über die Zeit der Weimarer Republik sollen wiederum die kirchlichen Parteiungen Badens in ihrem Neben- und Gegeneinander, mit ihren Hauptvertretern und ihren Organen dargestellt werden. In diesem Zeitraum gab es keine öffentliche, innerkirchlich-theologische Streite mehr, mit zahlreichen gedruckten Streitschriften, wie wiederholt im 19. Jahrhundert und zuletzt den Apostolikumsstreit 1891 und 1914. Erst im Kirchenkampf nach 1933 wurden Auseinandersetzungen zwischen Gegnerschaften innerhalb der Landeskirche wieder öffentlich.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918/1919 und damit dem Ende der Monarchie wie des Staatskirchentums begann für den Staat wie für die Kirche eine neue Zeit, mit neuer Staatsverfassung wie neuer Kirchenverfassung. Auch das Parteienwesen gestaltete sich früher oder später neu. Die wichtigsten politischen Parteien waren die kon-servative Deutsche Nationale Volkspartei / DNVP, die liberale Deutsche Demokratische Partei / DDP, das katholische Zentrum / Z und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands / SPD, vielfach der gemeinsame Feind der anderen politischen Kräfte (nach der Fraktionsgröße in der Nationalversammlung 1919: SPD, Z, DDP, DNVP).

 

Die Hauptrepräsentanten dieser drei traditionellen Parteiungen

und deren Publikationsorgane

Den politischen Parteien, die nicht wenige Mitglieder oder wenigstens Anhänger aus dem Bereich der Kirchen gewin-nen konnten, entsprachen teilweise evangelisch-kirchliche Parteiungen. Generell wurde der seit Jahrzehnten domi-nierende kirchliche Liberalismus nach 1919 von einem kirchlichen Positivismus abgelöst. Zunächst waren es die drei schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts existierenden Vereinigungen. Interessanterweise wird für die kirchenpolitischen Gruppierenden fast immer der seit der Union von 1821 geprägte Begriff Vereinigung verwendet.

Die bedeutendste Vereinigung war jetzt die Kirchlich-Positive Vereinigung / KPV (Name seit 1920, vorher: Evangelische Konferenz; wobei „evangelisch“ durchaus programmatisch ver-standen werden sollte, im Gegensatz zu der liberalen Bezeich-nung „protestantisch“). Hauptrepräsentant war Klaus Wurth, Pfarrer in Bretten, seit 1924 Kirchenpräsident. Ihre Publikationsorgane waren das Evangelische Kirchen- und Volks-blatt (1860‒1941), ab 1920 außerdem die Kirchlich-positiven Blätter.

An jetzt zweiter Stelle folgte die Kirchlich-Liberale Vereini-gung / KLV. Ihr Hauptrepräsentant war Hermann Maas, Pfarrer in Heidelberg. Ihre Publikationsorgane waren das Süddeutsche evangelisch-protestantische Wochenblatt (1860‒1911), fortgesetzt durch die Süddeutschen Blätter für Kirche und freies Christentum 1911‒1933.

Mit zeitlichem und Größenabstand folgte drittens die nach ihrem Ziel vermittelnde Landeskirchliche Vereinigung / LKV. Ihr Hauptreprä-sentant war Otto Frommel, Pfarrer und Schriftsteller in Heidelberg. Ihre Publikationsorgane waren das Korrespondenzblatt der Landes-kirchlichen Vereinigung (1897‒1919); fortgesetzt durch die Landes-kirchlichen Blätter für Baden (1919‒1934, diese waren mehr unterhaltsamer Natur).

Diese drei Kirchenparteien fanden ihr Ende mit dem Ende der Weimarer Republik: Die LKV verzichtete 1932 bei der Synodalwahl auf eine Teilnahme und löste sich 1933 auf; die KLV empfahl 1933 den Beitritt zur Glaubensbewegung Deutsche Christen; Mitglieder der KPV wählten teilweise den Übertritt zu den Deutschen Christen.

 

 

Religiöse Sozialisten und Deutsche Christen,

ihre Hauptvertreter und ihre Publikationsorgane

Zu Beginn und am Ende der Weimarer Republik kam jedoch je eine neue bedeutende, bis in die Zeit des Nationalsozialismus hineinwir-kende Parteiung hinzu: 1919 die Volkskirchliche Vereinigung, ab 1921 mit dem Namen Volkskirchenbund, ab 1926 Bund der Religi-ösen Sozialisten / RS. Hauptvertreter war der junge Pfarrer Erwin Eckert. Ihr Publikationsorgan war Der Religiöse Sozialist (1919‒1933).

Nach den ersten zehn Jahren der Nationalsozialistischen Deutschen Ar-beiterpartei / NSDAP gab es seit 1931 die Kirchliche Vereinigung für po-sitives Christentum und deutsches Volkstum (Evangelischen Nationalso-zialisten), 1933 mit der Bezeichnung Glaubensbewegung Deutsche Christen / DC, in die frühzeitig auch viele Pfarrer eintraten. Hauptver-treter war Pfarrer Hermann Teutsch. Ihr Publikationsorgan war Der Deutsche Christ (1933‒1941).

 

Wahlergebnisse zu den Landessynoden 1920, 1926 und 1932 in den fünf Wahlkreisen

 

 

Kurzbiographien

 

 

Klaus Wurth (1861‒1948), Pfarrer, in Liedolsheim und Bretten (Kirchenbezirk Karlsruhe-Land bzw. Bretten), 1924 bis 1933 i.R. Kirchenpräsident; 1911‒1920 Vorsitzender der Evang. Konfe-renz, 1920‒1924 der Kirchl.-Pos. Vereinigung, 1904‒1924 Schriftleiter des Evang. Kirchen- und Volksblatts

 

 

Hermann Maas (1877‒1970), 1915‒1943 Pfarrer an der Heiliggeistkirche Heidelberg, 1946‒1965 Kreisdekan bzw. Prälat; 1912‒1922 Schriftleiter der Süddeutschen Blätter für Kirche und freies Christentum

 

Otto Frommel (1871‒1951), Pfarrer und Schriftsteller, 1910‒1937 i.R. Pfarrer an der Christus-kirche Heidelberg, gleichzeitig Lehrer am Prakt.-Theol. Seminar in Heidelberg, seit 1928 auch Kirchenrat in der Kirchenleitung; seit 1907 zweiter, seit 1917 bis 1932 erster Vorsitzender der Landeskirchlichen Vereinigung

 

 

Erwin Eckert (1893‒1972), Pfarrer, Mitglied der SPD, später der KPD, 1926/27‒1931 in Mann-heim-Jungbuschpfarrei, 1931 nach kirchlichen Prozessen und Redeverbot Entlassung, daraufhin Austritt aus der Kirche; 1926‒1931 Schriftleiter von Der Religiöse Sozialist, zeitweilig geschäftsf. Vorsitzender des Bundes der Religiösen Sozialisten Deutschlands

 

Hermann Teutsch (1876‒1966), Pfarrer, 1910‒1938 i.R. in Leutershausen (Kirchenbezirk La-denburg-Weinheim), 1919 Mitglied der DNVP, Landtags- und Reichstagsabgeordneter, polit. Redner mit zeitweisem Redeverbot durch die Kirchenleitung, 1931 Mitglied der NSDAP und Gauleiter der Evang. Nationalsozialisten

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© Gerhard Schwinge