Buchbesprechung

 

 

Johann Peter Hebel:

Gesammelte Werke.

 

Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden, hrsg. von Jan Knopf, Franz Littmann u. Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Göttingen: Wallstein Verlag Sept. 2019, zus. 3712 S. Ln. in Schuber. 59 Euro (Sonderpreis). ISBN: 978-3-8353-3256-0 ‒ auch als E-Book

 

1. Aufl. verkauft; 2., [durchgesehene und ergänzte] Aufl. März 2020, 69 Euro

Eine neue Hebel-Ausgabe mit hohen Ansprüchen ist erschienen, zeitgleich in sechs Bänden von je zwischen 400 und 750 Seiten,  nur als Gesamtwerk erhältlich, preisgünstig, seit 2008 von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe geplant und erarbeitet. Deren Vorsitzender, der Literaturhistoriker Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann ist einer der Herausgeber, neben dem Germanisten an der Universität Karlsruhe Prof. Dr. Jan Knopf und dem Pädagogen Dr. Franz Littmann, alle drei ausgewiesene Hebelkenner. Sie konnten sich auf weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stützen. ‒ Es handelt sich um die erste (fast) komplette Ausgabe der Werke, Briefe und überlieferten Notizen Hebels seit 1838. Das Sammelwerk hat inzwischen schon mehrfach in der regionalen und überre-gionalen Presse Anlass gegeben, sich mit Hebel zu befassen. Der günstige Preis wurde durch elf fördernde Institutionen ermöglicht, darunter die Badische Landeskirche und die Badische Bibelgesellschaft. Die erste Auflage war bald verkauft. Das spricht einerseits für ein vorhandenes lebendiges Interesse am Dichter Hebel und zeigt andererseits das bisherige Fehlen einer solchen Ausgabe Gesammelter Werke. Sie enthält nur sehr wenige Abbildungen.
 

Zu den bekanntesten Werken des badischen Dichters, Pädagogen und Kirchenbeamten Hebel (1760‒1826): den Alemannischen Gedichten, den Kalenderbeiträgen des Rheinländischen Hausfreunds, den Biblischen Geschichten (Band 1, 3 und 4) treten zahlrei-che Briefe Hebels aus den Jahren 1784 bis 1826 hinzu (Bände 5 und 6) und je mehrere bisher oft unbekannte oder ungedruckte Texte, verstreut in den Bänden 1, 2 und 4; vor allen: Exzerpthefte Hebels aus den Jahren 1780 bis 1803 aus Nachlassbeständen in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, erstmalig aus den Originalhandschriften transkribiert (Band 2); außerdem viele kleine Schriften in chronologischer Folge (1787‒1826) (in Band 4). Alle Texte Hebels sind ja verhältnismäßig kurz, so dass ihre Anzahl in allen Werkteilen jeweils groß ist und sich daher in den Hunderten von Texten noch manche Entdeckungen machen lassen. Zum Beispiel gilt das bei den alemannischen und hochdeutschen Gedichten ebenso wie bei den vielen Kalendergeschichten, aber auch  für viele kleine Schriften oft theologischer oder kirchlicher Thematik, die in chronologischer Folge abgedruckt sind, oft nur ungefähr datiert. (In der 2. Auflage ist in Band 3 ein nützliches alphabetisches Verzeichnis aller 378 Kalendergeschichten beigegeben.) Auf alle Editionstexte folgen gesondert „Kommentare“, allerdings zumeist nur kurze editorische Anmerkungen zu mit Seiten- und Zeilenzahl benannten Einzelstellen, im Normalfall die Angabe der Textgrundlagen „T“ und der Erstdrucke „ED“ (Abkürzungs-auflösung vom Rez., sonst nirgends), und anderes mehr (auch Übersetzungen aus lateinischen, griechischen und hebräischen Originaltexten). Erst in der zweiten Hälfte von Band 6 ‒ das Titelblatt von Bd. 6 lautet irreführenderweise nur: Briefe 1810 – 1826 ‒ finden sich wichtige Beigaben zur gesamten Ausgabe, so dass man die andern fünf Bände über das bloße Lesen hinaus nicht ohne diesen Band 6 benutzen kann: ein Lebensbild Hebels (zur allgemeinen geschichtlichen Orientierung), ein Editionsbericht (mit Nennung der besonderen Ansprüche der Ausgabe), das mehrfach gegliederte [Quellen- und] Literaturverzeichnis (rund 75 Seiten, gleichwohl natürlich immer noch nicht vollständig), eine Danksagung, ein detailliertes Inhaltsverzeichnis aller Bände und ein Personenregister (57 S.). Auf dem Buchrücken der Bände steht: Sämtliche Werke, mit römischen Ziffern, statt Gesammelte Werke, mit arabischen Ziffern, wie auf den Titelblättern. Zumindest die meisten von Hebels Predigten und Predigtentwürfen fehlen jedoch.

 

Diese füllen allein zwei Bände mit zusammen etwa 850 Seiten in der anderen Hebel-Ausgabe in Bibliotheken und auf dem Anti-quariatsmarkt, die in den Jahren 1990 bis 2013 sechs Bände herausgebracht hat und inzwischen anscheinend abgebrochen wurde. Auf diese „historisch-kritische Gesamtausgabe“, welche 1988 einmal auf 16 (!) Bände geplant war, muss kurz eingegangen werden. Sie wurde von dem Heidelberger Privatgelehrten Adrian Braunbehrens initiiert, der 1990 als Band II und III Hebels „Erzählungen und Aufsätze“ veröffentlichte, während 1991 der Mainzer Kirchenhistoriker Prof. Dr. Gustav Adolf Benrath (†) als Band V die Biblischen Geschichten folgen ließ. Für Band I waren die Gedichte vorgesehen. Diese ersten drei Bände erschienen noch in dem damaligen Karlsruher Hebel-Traditionsverlag C. F. Müller. Dann trat eine fast zwanzigjährige Pause ein. Denn erst 2010 gab der Hamburger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Johann Anselm Steiger, der 1992 in Heidelberg über Hebel promoviert und 1998 eine Aufsatzsammlung   zu Hebel publiziert hatte, in den Bänden VI und VII Predigten und Predigtentwürfe Hebels heraus. (Ebenfalls 2010 erschienen 38 Predigten Hebels durch ganz andere Herausgeber im Druck.) Dem folgten noch von Steiger bearbeitet 2013 als Band VIII „Theologische Schriften“ Hebels, vielfach dieselben wie in Band 4 der neuen Karlsruher Ausgabe.

 

Die hier angezeigte Ausgabe Gesammelter Werke Hebels – die einzige auf dem Buchmarkt, bei allerdings mehreren älteren Auswahlausgaben – verzichtet also auf die Edition von Predigten, veröffentlicht jedoch, auf zwei Bände verteilt, Briefe Hebels aus  den Jahren 1784‒1809 und 1810‒1826, und zwar wunderlicherweise unverändert übernommen aus der bekannten zweibändigen Edition der Hebel-Briefe von Wilhelm Zentner von 1957 (freilich kommentiert, d. h. mit Anmerkungen versehen), obwohl diese längst mehrfach korrigiert und ergänzt werden müsste, andererseits immer noch antiquarisch zu erwerben ist. Leider werden nicht alle Briefempfänger und anderen erwähnten Personen der Briefe in den Anmerkungen zur Stelle ihrer ersten Nennung biographisch identifiziert. Im umfangreichen Personenregister wären im Übrigen kurze biographische Angaben sehr nützlich gewesen, freilich auch sehr aufwendig. (Verwirrend sind daher beispielsweise die im Personenregister aufgeführten zehn Namensträger Fecht, sechs Hitzig, fünf Haufe, vier Günttert.) Wie bei Zentner gibt es keine Angaben zu Gegenbriefen, die oft in Hebels Briefen zu erschließen sind. ‒ Weit überwiegend geht es in den Briefen um einen lockeren Austausch mit Freunden, besonders mit dem Jugend- und lebenslangen Freund, dem Pfarrer und Dekan in der gemeinsamen südbadischen Heimat Friedrich Wilhelm Hitzig; weiter mit der Familie Haufe. Sach- und historisch relevante Kontextinformationen bieten die Briefe und entsprechend die „Kommentare“ selten, zumal vieles bei Hebel aus Andeutungen und Anspielungen besteht, die meist nicht aufgelöst werden.

Einige weitere kritische Bemerkungen seien erlaubt: Die Verfasser oder Bearbeiter der Kommentare und Beigaben bleiben meist unbenannt. (Wer schrieb das ohne einen Apparat abgedruckte Lebensbild? Wer erarbeitete die bibliographischen Teile?) Sehr oft wünschte man sich die Angabe von zusätzlichen Jahreszahlen zur Orientierung. Zu den Monographien in den Quellen- und Litera-turverzeichnisteilen wurden leider keine Umfangsangaben gemacht. Die Impressumsseite ist in Band 6 vorn, in Band 5 hinten. Und: Benutzer haben es schwer mit der engen Klebebindung und dem für Notizen in Band 6 zu dünnen Papier (wohl wegen der Gewichtsbegrenzung bei Band 6, anders als bei den anderen Bänden).

 

Die sechs Bände werden ausdrücklich, sogar an erster Stelle als „Leseausgabe“ bezeichnet, was vor allem für die populären Hebel-Texte gelten dürfte. Freilich angenehmer, handlicher, preisgünstiger sind deren zahlreiche Einzelausgaben auf dem Buch-    und Antiquariatsmarkt. Zuletzt erschienen: 2017 die Biblischen Geschichten in Tübingen (herausgegeben von einem katholischen Theologieprofessor aus Tübingen und einem evangelischen Pfarrer aus Baden-Baden); 2014 die Kalendergeschichten, im selben Tübinger Verlag; 2005 die Alemannischen Gedichte in Lahr.

 

Welche also sind die Zielgruppen dieser neuen Hebel-Ausgabe: Hebel-Freunde? Hebel-Forscher? Literaturhistoriker? (Der Rez. schrieb diese Buchbesprechung nicht als Hebel-Forscher, trotz einiger eigener Hebel-Aufsätze, sondern nur als Benutzer der Ausgabe.) Am ehesten ist Zielgruppe wohl der engere Kreis der Hebel-Forscher (man denke besonders an den Band mit den Exzerpten). Für sie ist diese neue Werke-Ausgabe ein Gewinn, der künftig nicht außer Acht gelassen werden kann.

Gerhard Schwinge

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