"das treue Bild eines ächten Christen"

 

Jung-Stillings letzte Lebensjahre in Karlsruhe, 1806 - 1817

 

Erinnerung an den Arzt, Wirtschaftsprofessor

und religiösen Schriftsteller

anlässlich seines 200. Todestags

 

                                                Gerhard Schwinge

 

 

Im Folgenden die wesentlich gekürzte Fassung des am 5. April 2017 bei der Goethe-Gesellschaft und der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe gehaltenen Vortrags:

 

     „das treue Bild eines ächten Christen“ – das schrieb Karl August Varnhagen van Ense, in den Jahren 1816 bis 1819 preußischer Gesandter am badischen Hof in Karlsruhe, über Jung-Stilling.1 Und Friedrich Nietzsche nannte auf die von ihm selbst gestellte Frage, was, abgesehen von Goethes Gesprächen mit Eckermann, von der deutschen Prosaliteratur verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden, als eins von vier weiteren Werken den ersten Teil von Jung-Stillings „Lebensgeschichte“ von 1777, seinem schließlich sechsbändigen autobiographischen Roman.2                                             

Der folgende Text konzentriert sich jedoch ausschließlich auf Jung-Stillings letzte gut zehn Lebensjahre in Karlsruhe.

Jung-Stilling wird oft als Pietist bezeichnet. Wir sehen ihn hier auf dem bekanntesten der 17 überlieferten zeitgenössischen Bildnisse. Zutreffender ist es, ihn „Patriarch der Erweckung“ zu nennen. Er war zwar vom klassischen Pietismus des 18. Jahrhunderts beeinflusst, schrieb jedoch selbst ein Buch gegen den schwärmerischen Pietismus; andererseits beeinflusste er die Erweckungsbewegungen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gerade auch in Baden. Wie einen Patriarchen verehrte ihn schon zu seinen Lebzeiten geradezu schwärmerisch Max von Schenkendorf.3

      Seine Lebensgeschichte hat Jung-Stilling, der Augenarzt, Wirtschaftsprofessor und religiöse Schriftsteller,  in seiner romanhaften, empfindsamen Autobiographie, bis zum Jahr 1804 reichend, selbst geschildert, verfasst zwischen 1773 und 1816. Den Fragment gebliebenen sechsten Teil ergänzten ein Enkel, ein Schwiegersohn und ein Freund mit der Schilderung des Lebensendes. Den ersten Teil der Lebensgeschichte hat übrigens sein Studienfreund Goethe zum Druck beför- dert. Stilling erscheint hier erstmals als Jungs selbst gewähltes Pseudonym; später ist es das von ihm oft, gerade in den Autographen benutztes Epitheton, wobei er wohl an Psalm 35,20 gedacht hat, wo von den Stillen im Lande die Rede ist. – Sein ganzes Leben sieht Jung-Stilling aufgrund der Vorsehung als unter Gottes Führung stehend an.

Erbauungsschriftsteller und religiöser Vertrauter Karl Friedrichs von Baden, 1796 bis 1811

     Um 1790 waren es zwei Erfahrungen, welche Jung-Stilling zum Erbauungsschriftsteller einer escha-tologisch geprägten Erweckung machten: zunächst die Lektüre von Kants „Kritik der reinen Vernunft“, die ihn von jahrzehntelangen Glaubenszweifeln befreit habe; sodann die Französische Revolution, für ihn ein Abfall von Gottes Weltordnung und vom Christusglauben. Hauptzeugnis dieses Wandels Jung-Stillings war sein fünfbändiger allegorischer Roman „Das Heimweh“, nach der „Lebensgeschichte“ Jung-Stillings am weitesten verbreitetes Werk, erschienen 1794–1796. In ihm beschreibt er nach seinen eigenen Worten „den Buß-, Bekehrungs- und Heiligungs-Weg des wahren Christen unter dem Bilde einer Reise […] eines Christen nach seiner himmlischen Heimath“ im Orient.4 Das Werk fand schon nach dem Erscheinen der ersten beiden Bände ein vielfaches, sogar internationales Echo.

Zu seinen Lesern zählte ebenfalls Markgraf Karl Friedrich von Baden. Am 12. Dezember 1795 schrieb dieser nach Marburg an den „besonders werthen Herrn Professsor“: Ich habe Ihr Heimweh gelesen, welches mich sehr interessirt hat. Ich höre, der letzte Theil wird einen Schlüssel enthal- ten, worauf ich mit Begierde warte. Könnten Sie mir über das Buch etwas mehr schriftlich sagen, als Sie dem Druck anvertrauen wolten, so würden Sie mich sehr verbinden und könnten aller mög- lichen Discretion versichert sein.5 Daraus entwickelte sich nicht nur eine Korrespondenzbe-ziehung, sondern es folgten 1801/1802 dann in Karlsruhe die ersten persönlichen Begegnungen während zweier Reisen Jung-Stillings in die Schweiz. – Eine weitere Folge der positiven Aufnahme seines Heimweh-Romans war, dass Jung-Stilling gleichsam als Ergänzung zum „Heimweh“ seit 1795 eine Volksschrift mit dem Titel „Der Graue Mann“ herausbrachte und bis 1816, also bis zu seinem Lebensende, in 30 Heften als Alleinverfasser erscheinen ließ. In ihr wollte er seine neu gewonnene große Leserschar in aller Welt regelmäßig als Erbauungsschriftsteller der Erweckung ansprechen und dabei immer wieder zu den Zeichen der Zeit – für ihn eine apokalyptische Endzeit – Stellung beziehen.

Bis zu seinem Lebensende folgten noch viele andere erweckliche Erbauungsschriften des Laientheologen Stilling und ver- schiedene Periodika. Wiederholt unternahm Jung-Stilling in den folgenden Jahren auch Reisen, innerhalb Deutschlands, in die Schweiz, zur Herrnhuter Brüdergemeine in der Oberlausitz und ins Elsass, verbunden mit geistlichen Kontakten zur Brüder-unität, zur Christentumsgesellschaft in Basel, zu Gottlieb Konrad Pfeffel und zu Johann Friedrich Oberlin im Elsass; zu allen stand er seit längerem im Briefwechsel. Seit 1804 weilte Jung-Stilling im Sommer meistens mit Karl Friedrich in Baden-Baden; dabei residierte der Fürst im nahen Schloss Favorite und ließ sich, aus Mangel eines evangelischen Gottesdienstes dort, von Jung-Stilling sonntags vormittags eine Predigt vorlesen.

Auf die Entwicklung in Baden unter Napoleon kann hier nicht eingegangen werden. Karl Friedrich blieb bei seiner ange- stammten persönlichen Frömmigkeit, die ihn seit vielen Jahren mit dem Zürcher Theologen Johann Caspar Lavater bis zu dessen Tod 1801 einen seelsorgerlichen Kontakt pflegen ließ. An die Stelle Lavaters trat 1803 nun Jung-Stilling, als der da- malige Kurfürst ihn zu seinem Seelsorger machte, ihn nach Baden berief, ohne Amtspflichten, versorgt durch ein Ehrensalär, und ihm zunächst den Wohnort freistellte. Jung-Stilling wählte Heidelberg, das er kannte und wo dann seit 1805 die Familie seiner ältesten Tochter mit ihrem Mann, dem Theologieprofessor Friedrich Heinrich Christian Schwarz lebte. Auch an der Neuorganisation der Heidelberger Universität seit 1803 war Jung-Stilling beteiligt. Die Anfänge der Heidelberger Romantik erlebte er aus der Nähe.

Nachdem Karl Friedrich zum Großherzog aufgestiegen und als 78-Jähriger zunehmend altersschwach an Körper und Geist geworden war, wollte er Jung-Stilling als geistlichen Berater ständig in seiner Nähe haben. Er ließ ihn im Dezember 1806 nach Karlsruhe kommen und im Schloss wohnen, täglich mit an seiner Tafel speisen und erhob ihn zum Geheimen Großherzoglichen Hofrat. Ein Vierteljahr später ließ dieser seine Familie nachkommen und mietete für sie in der Nähe, nämlich in der Waldstraße Nr. 10, eine Wohnung.

Schon zu Lebzeiten Karl Friedrichs beschränkten sich Jung-Stillings Kontakte und sein Wirken nicht auf den badischen Hof. 1805, also noch in Heidelberg, begann eine bis zum Tod anhaltende vertraute Freundschaft mit dem ebenfalls neu nach Baden berufenen reformierten Theologen Johann Ludwig Ewald, erst Theologieprofessor in Heidelberg, dann ab 1807, nach der Ein- richtung eines neuen Kirchenratskollegiums, reformierter Kirchenrat in Karlsruhe. Seit 1807 bestand eine Freundschaft mit der französisch-hugenottischen Emigrantenfamilie von Graimberg; am 1810 von Amalie von Graimberg gegründeten Töchter-Erziehungsinstitut, das auch zwei Töchter Jung-Stillings besuchten, unterrichteten zeitweilig Jung-Stilling und Ewald, in Fran- zösisch als Unterrichtssprache. Es fällt hier und auch später auf, dass Jung-Stilling Kontakte vor allem zu Nichtbadenern und Nichtkarlsruhern pflegte – bald kamen noch andere hinzu –, vom vertrauten Umgang mit Staatsrat und Kirchenratsdirektor Friedrich Brauer und mit der Ehefrau von Oberbürgermeister Christian Griesbach und von der Inanspruchnahme des Leibarztes von Karl Friedrich Johann Friedrich Schrickel abgesehen. Die große Zahl seiner Korrespondenten in allen Lebensphasen sei nicht vergessen; Briefpartner waren oft Adlige.

Eine Veröffentlichung Jung-Stillings aus dieser Zeit erfuhr große Aufmerksamkeit und heftige Kritik und sogar Spott: seine „Theorie der Geisterkunde von 1808. Zu beachten ist dabei der Untertitel: Jung-Stilling wollte mit seinem Buch kri- tisch zur Geisterseherei seiner Zeit Stellung beziehen, gerade auch im Blick auf das Geisterwesen am Karlsruher Hof, wo angeblich die Weiße Frau durchs Schloss spukte. Das Buch wurde in Basel und in Württemberg verboten, woraufhin Jung-Stilling 1809 noch eine Apologie drucken ließ. – Die Be- schäftigung mit Geistern war damals geradezu eine Mode. Genannt seien nur: Schillers „Der Geisterseher“ (1787–1789) und Schopenhauers „Versuch über das Geistersehen“ (1851); und Goethe schrieb 1811 in einem Brief: Ich mag die Geister der Entfernten und Abgeschiedenen gern auf jede Weise her- vorrufen und um mich versammeln.6 Im Übrigen waren auch andere Zeitgenossen mit absonderlichen Lieblingsthemen höchst umstritten und Kritik und Spott ausgesetzt, so Lavater mit seiner Physiognomik oder Dr. Mesmer mit seinem anima-lischen Magnetismus und Somnambulismus oder Dr. Gall mit seiner Phrenologie (der im Dezember 1806 darüber am Karls- ruher Hof Vorlesungen hielt, an denen Jung-Stilling teilnahm) und selbst Goethe mit seiner Farbenlehre.

In Jung-Stillings Augen war zu dieser Zeit noch etwas anderes Grund zu Kritik und Spott: die Bauten des großherzoglichen Oberbaudirektors Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe. In einem Brief von etwa 1810 (Original in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe) schreibt der zugegebenermaßen etwas weltfremd gewordene siebzigjährige Apokalyptiker, noch zu Lebzeiten des inzwischen allerdings ganz senilen Großherzogs, seines Gönners, über die im Bau befindlichen beiden großen Stadtkirchen Weinbrenners, die evangelische (erbaut 1807-1816) und die katholische (erbaut 1808-1814): Nach dem Hinweis auf das Überhandnehmen des Luxus, gerade während der Zeiten der blutigen Napoleonischen Kriege, die er als Gottesgerichte ansah, heißt es dann: Unsere Vorfahren ordneten Fast-, Buß- und Bättage in schweren göttlichen Gerichten an, wir hingegen Bälle, Conzerte, Schauspiele, Opern, Ballets, Casinos u. d. g. Hier werden jetzt zwo prächtige Weltausdauernde Kirchen gebaut. Nun ja, dazu würden hölzerne, und noch dazu von Tannenholz, hinreichend seyn; so denke ich, wenn ich vorbey gehe. Weitere in Jung-Stillings Karlsruher Jahren im Bau befindliche Weinbrenner-Bauten waren: das Markgrafenpalais am heutigen Rondell- platz 1803-1814, das Hoftheater in der Nähe des Schlosses 1804-1808, das Rathaus am Markt 1805-1825 und das Museum 1813/14. Karlsruhe war eine Stadt voller Baustellen.

Weil reformierter Konfession, ist Jung-Stilling weder in die alte lutherische Konkordienkirche (aus Holz gebaut und 1807 abgerissen) noch in die neue lutherische Stadtkirche zum Gottesdienst gegangen, sondern in die reformierte, sog. Kleine Kirche von 1776 an der Langen Straße (der heutigen Kaiserstraße), wenn er nicht, solange Karl Friedrich lebte, als Großherzoglich Geheimer Hofrat pflichtgemäß am Hofgottesdienst in der Schlosskirche teilnahm.

 

Ruheständler in Karlsruhe, 1811 bis 1816

    Im Juni 1811 starb Großherzog Karl Friedrich. Jung-Stilling, der nun aus dem Schloss ausziehen musste, befand sich mit seiner Frau zu der Zeit auf Patientenreise im Elsass. In ihrer Abwesenheit besorgten die befreundeten Eheleute Ewald ihnen, statt der Wohnung in der Waldstraße, eine größere Mietwohnung in der Spitalstraße (der heutigen Markgra-fenstraße), allerdings im 3. Obergeschoss. Die Treppen mussten fortan von den alt gewor- denen Eheleuten bewältigt werden.

Oft allerdings weilten sie nun zu Besuch bei den Kinderfamilien, bei der mit dem Theo- logieprofessor Schwarz verheirateten Tochter in Heidelberg oder bei Sohn Jakob, als Hofgerichtsrat seit kurzem von Mannheim nach Rastatt versetzt.

Die Jahre während Jung-Stillings letzter Lebenszeit waren für Baden Jahre umwälzen- der politischer Ereignisse: Es waren die Gebietserweiterungen unter Napoleon, die Baden 1803 von der Markgrafschaft zum Kurfürstentum und dann 1806 zum Großherzogtum und damit zum Mittelstaat aufsteigen ließen, zugleich aber durch die Mitgliedschaft im Rhein- bund seit 1806 ganz in die Abhängigkeit des ehrgeizigen Welteroberers brachten. Die Vermählung des Enkels Karls Friedrichs, des späteren Großherzogs Karl, mit einer Adoptivtochter Napoleons 1806 verstärkte diese Bande. Unvermeidliche Vasallendienste waren die Folge, so besonders die Teilnahme an Napoleons verheerendem Kriegszug gegen Russland 1811/12/13, mit einem badischen Truppenkontingent. In Jung-Stillings Schriften, Briefen und Tage- büchern findet sich von dem allen wohlweislich kaum ein Echo. Gegenüber Napoleon befand er sich nämlich in dem Zwiespalt zwischen der apokalyptischen Deutung Napoleons als des Antichristen der Endzeit auf der einen Seite und der Verpflichtung zur Loyalität, vor allem seit 1806, auf der anderen Seite. Erst Badens später Übertritt zu den Alliierten nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober/November 1813 änderte das.

Für Jung-Stilling brachte diese Zeit neue, teils sonderliche, teils freundschaftliche, teils außerordentliche Kontakte, durchweg mit nur zeitweilig in Karlsruhe anwesenden adligen Persönlichkeiten. 1808 kam die baltische Baronin Babara Juliane von Krü- dener, erst bekannte Romanschriftstellerin, dann schwärmerische Prophetin, allein Jung-Stillings wegen nach Karlsruhe, zog jedoch bald weiter ins Elsass. – 1812, noch während der Befreiungskriege begann der 43 Jahre jüngere Dichter und Kriegs- freiwillige Max von Schenkendorf, der als preußischer Agent am badischen Hof weilte, für Jung-Stilling zu schwärmen und schrieb über „Vater Stilling“: ein Mann, gegen den ich mit manchem Vorurteil ankam und der mir nun gerade sehr am Herzen liegt – ich meine den schönen und ehrwürdigen Greis Jung, in dem ich ganz den frommen, weichen und kindlichen Stilling [des ersten Bands der „Lebensgeschichte“] wiedergefunden habe.7 – Im Juli 1814 gewährte Zar Alexander I. von Russland, verheiratet mit einer badischen Prinzessin, im Bruchsaler Schloss seiner Schwiegermutter Markgräfin Amalie, Jung-Stilling eine Audienz, in Wahrheit eine vertrauliche religiöse Unterredung. Jung-Stilling schrieb danach: Ich habe nie mit jemand gesprochen, der in allen Punkten […] so einstimmig mit mir denkt als der Kayser Alexander; er ist ein wahrer Christ, im strengsten Sinn.8 – Noch 1816 besuchte der preußische Gesandte am badischen Hof Varnhagen von Ense wiederholt „den berühmten Jung-Stilling“ und berichtete darüber später in seinen „Denkwürdigkeiten“ an drei Stellen mit ehrenden Worten.

Auf den Wiener Kongress zur Neuordnung Europas nach dem Ende Napoleons von September 1814 bis Juni 1815 folgte    in Paris die Bildung der Heiligen Allianz, vereinbart am 26. September von den drei christlichen Monarchen, dem russischen Zaren Alexander I., dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und dem österreichischen Kaiser Franz I. Es wird ange- nommen, dass außer einer Hofdame der russischen Zarin und dem katholischen romantischen Religionsphilosophen Franz  von Baader und Frau von Krüdener auch Jung-Stilling zu den Anregern der Heiligen Allianz zu zählen ist.

Kurz darauf folgte Goethes Besuch in Karlsruhe und bei Jung-Stilling Anfang Oktober 1815. Für Jung-Stilling wurde dieser Besuch eingerahmt durch zwei private Familientage: durch seinen 75. Geburtstag am 12. September und durch die Silberhoch- zeit mit seiner dritten Ehefrau am 19. November. Jung-Stilling war drei Mal verheiratet, weil er zwei Mal, schließlich 1817 für zehn Tage sogar zum dritten Mal Witwer wurde; mit seinen drei Frauen hatte er zusammen 13 Kinder, von denen damals noch sechs lebten.

Von Dienstag den 3. bis Donnerstag den 5. Oktober 1815 also besuchte Goethe Karlsruhe – um Karl Christian Gmelins Naturalienkabinett zu besuchen, Weinbrenners Bauten zu besichtigen und Johann Peter Hebel seiner Alemannischen Gedichte wegen kennenzulernen; die Teilnahme an einer abendlichen Aufführung im Hoftheater ergab sich ungeplant. Das Erste jedoch nach der Ankunft und dem Mittagessen galt einem Wiedersehen mit Jung-Stilling, zum ersten Mal wieder nach 40 Jahren, welches freilich unglücklich verlief, weil es Jung-Stilling überraschend und überfallartig traf. – Über den Aufenthalt Goethes in Karlsruhe ist mehrfach zeitnah berichtet und später geschrieben worden. Mit einem Brief an Goethe ein Vierteljahr später ver- suchte Jung-Stilling die missratene Begegnung zurechtzurücken.

Als Nichtbadener hatte Jung-Stilling kaum Kontakte zu so bekannten Karlsruhern badischer Herkunft jener Jahre wie Hebel und Weinbrenner  und Gmelin, wie Johann Gottfried Tulla und Johann Friedrich Nebenius; von denen Jung-Stilling außerdem der Altersunterschied, oft eine ganze Generation und mehr, trennte. Lediglich Hebel erwähnt er manchmal in Briefen und Schriften. Theaterbesuche mied er, Konzerte besuchte er gelegentlich. Jedoch war er Mitglied in der Museumsgesellschaft und suchte das sogenannte Museum und dessen Bibliothek auf, um Journale zu lesen. Das Museum war ja kein Museum im eigent-lichen Sinn, sondern ein Museion, ein Musentempel, in Wahrheit eine schon Jahrzehnte bestehende Lesegesellschaft und ein Haus der Geselligkeit, wofür 1813/14, also zu Jung-Stillings Zeit, Weinbrenner an der Ecke Lange Straße / Ritterstraße einen Neubau errichtete.

„Vater Stillings Lebensende“ 1817

Mit einem Alter von 75 Jahren war Jung-Stilling für die damalige Lebenserwartung hoch betagt. Das Alter beeinträchtigte  verständlicherweise seine Gesundheit. Äußere Umstände kamen hinzu: Im April 1815 gab es in Indonesien einen so mächtigen Vulkanausbruch, dass das folgende Jahr selbst in Europa nass und kalt war; man nannte 1816 das „Jahr ohne Sommer“. Krankheiten und Sterbefälle häuften sich. So wurde 1817 ein Jahr, in dem Missernten, Teuerung und Hungersnöte viele Regionen befielen; die Folge war eine Welle von Auswanderungen, sowohl nach Amerika als auch nach Russland.

Das alles mag das Lebensende der Eheleute Jung schneller als erwartet herbeigeführt haben. Am 22. März 1817 starb Stillings schon immer kränkelnde Frau. Zehn Tage später, am 2. April, dem Mittwoch in der Karwoche, starb dann Jung-Stilling im 77. Lebensjahr an Entkräftung, wie berichtet wurde. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung am 6. April, dem Ostersonntag, um 16 Uhr statt. Im Eintrag der Beerdigung im Kirchenbuch lesen wir unter anderem, dass der Verstorbene in seinem Leben „einige 1000 Personen von der Blindheit des grauen Stars glücklich operiert“ habe und dass seine Redlichkeit, seine Menschenliebe und seine Frömmigkeit ihm Liebe und Hochschätzung bei Hohen und Niedrigen erworben habe.

Die Beerdigung fand auf dem Alten Friedhof „im Lohfeld“ am Ende der Waldhornstraße statt, an der heutigen Kapellenstraße. Die Grabstätte wurde 1968 eingeebnet, und die Eheleute wurden auf den Hauptfriedhof, umgebettet.  Dort wurde über ihrem Grab ein großes Grabmal im neoklassizistischen Stil errichtet.

In der Krypta der Karlsruher Stadtkirche (wo sich seit 1958 ein sarkophag mit dem Sarg von Friedrich Weinbrenner befindet) wurde eine Gedenkplatte verlegt mit der Aufschrift: „Zum Gedenken an Johann Heinrich Jung genannt Stilling, 1740–1817, dem Christen und Wohltäter der Augenkranken“.

Als wer blieb Jung-Stilling in Erinnerung?

Es fällt auf, dass Jung-Stilling nach seinem Tod vor allem als Wohltäter der Augenkranken, genauer sogar als Operateur des grauen Stars bezeichnet wird, obwohl er diese jahrzehntelange Tätigkeit gleichsam nur nebenher ausgeübt hat, übrigens aus frommer Menschenliebe, wie es heißt, meist ohne ein Honorar zu fordern.

Doch er war viel mehr, nicht nur für seine Zeitgenossen.

Den wohl größten Einfluss übte er als religiöser Schriftsteller der Erweckung aus. Dies hat die wissenschaftliche Jung-Stilling-Forschung seit 1963 in den Mittelpunkt gestellt. Es folgten die maßgebliche, kommentierte Edition von Jung-Stillings sechsbän- diger Lebensgeschichte 1976 und von 1987 bis 1994 vier Dissertationen.

Wegen seiner „Lebensgeschichte“ hat sich die literaturge-schichtliche Forschung Jung-Stilling als einem Romanschriftstel- ler der Empfindsamkeit genähert.

Als Hochschullehrer der Ökonomie in den Zeiten der Aufkärung wurde Jung-Stilling seit 1990 der wirtschaftshistorischen Forschung bekannt gemacht, auch durch die Neuedition verschiedener wirtschaftswissenschaftlicher Lehrbücher Jungs.

Er selbst hat sich wohl in seinen letzten etwa zwanzig Lebensjahren als Briefseelsorger und religiöser Berater und als ein prophetischer Rufer in der Endzeit verstanden.

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1 Varnhagen, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften, Bd. 9, Leipzig 1859, S. 26.

2 Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 2. Band, 2. Abt., 1879 (Aphorismus 109: Der Schatz der deutschen Prosa). Genannt werden in folgender Reihenfolge: Goethes Gespräche mit Eckermann, Lichtenbergs Aphorismen, Jung-Stillings Lebensgeschichte – erstes Buch, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute von Seldwyla.

3 Nach: Erich Mertens, Max von Schenkendorf und Johann Heinrich Jung-Stilling, in: Jung-Stilling-Studien, 2., durchges. u. erw. Aufl., Siegen 1987 (Schriften der J.G.Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 15), S. 82.

4 Jung-Stilling, Lebensgeschichte, vollst. Ausgabe mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, Darmstadt 1984, S. 490.

5 Jung-Stilling, Briefe, ausgew. u. hrsg. von G. Schwinge, Gießen 2002, S. 179f.

6 Goethe in einem Brief von 17. Dezember 1811 an Sulpiz Boisserée, in: Goethes Werke (Weimarer Ausgabe), IV. Abt.: Briefe, Bd. 22, Weimar 1901, Nr. 22/6230, S. 220.

7 Nach: Mertens (wie Anm. 3), S. 38.

8 Jung-Stilling, Briefe (wie Anm. 5), S. 549.

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© Gerhard Schwinge