Der Amtsbezirk Gernsbach zwischen den beiden badischen Markgrafschaften:

Ein Beispiel für die Konfessionsgeschichte vor und während des Dreißigjährigen Kriegs

Mit dem so genannten Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, der nicht nur eine machtpolitische Auseinandersetzung europäischer Staaten, sondern im deutschen Sprachraum auch ein Konfessionskrieg in der Zeit der Gegenrefor-mation war. Für das Jahr 1618 ist aus der hier in den Blick genommenen Region nichts Konkretes zu berichten, wohl aber für die Zeit davor und für die eigentlichen Kriegsjahre nach 1618. Generell gilt, dass sowohl die politischen, europaweiten Machtkämpfe als auch die damit in Deutschland verbundenen konfessionspolitischen Auseinandersetzungen in dieser Region die gleichen Begleiterschei-nungen mit sich brachten wie überall: häufig wechselnde militärische Okkupation mit Plünderungen, Mordbrennereien, Zwangsein-quartierungen, Zwangsverpflegungen. Dazu, teilweise als Folge davon: Missernten, Teuerung, Hungersnöte, Pest und andere Epi-demien. Und immer wieder Konfessionswechsel, ebenfalls mit Zwangsmaßnahmen.

Hier soll beispielhaft über den Amtsbezirk Gernsbach berichtet werden, vor allem über seine Konfessionsgeschichte zwischen den beiden badischen Markgrafschaften Durlach und Baden-Baden. Diese Region hat nämlich im ersten Reformationsjahrhundert, also etwa zwischen 1555 und 1648, acht Religionsveränderungen erfahren (nach Vierordt, S. 41). Gerade auch im Bereich in und um Gernsbach gab es ein solches labiles Miteinander und Gegeneinander der Bekenntnisse und Kirchen.

 

Vorgeschichte

Grafschaft Eberstein

 

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte das Reforma-tionszeitalter im engeren Sinn, das mit 1517 begann, sein Ende gefun-den. Nach dem Grundsatz cuius regio, eius religio konnte ein jeder Re-gent die Konfession in seinem Herrschaftsgebiet bestimmen. Dies ermög- lichte es, dass in dem seit Mitte des 16. Jahrhundert bestehenden Kon-dominat der oberen Markgrafschaft Baden unter Markgraf Philibert mit der Grafschaft Eberstein unter Graf Philipp IV. zwei Konfessionen gal-ten: die katholische in der Markgrafschaft Baden (-Baden), die lutheri-sche in der benachbarten Grafschaft. In der unteren Markgrafschaft Baden-Durlach wurde mit der Kirchenordnung von 1556 das lutherische Bekenntnis eingeführt.

Wappen Grafschaft Eberstein

Zur Grafschaft Eberstein mit dem zentralen Amtssitz in der Stadt Gernsbach an der Murg gehörten damals zahlreiche, zum Teil weiter entfernt liegende Orte (deren damalige Größen nicht mit den heutigen gleichgesetzt werden können): Weisenbach und Forbach, Selbach und Michelbach, Kup-penheim und Muggensturm, Völkersbach und Marxzell. 1611 hatten zwölf Pfarrer, Diakone (Unter-pfarrer) und Präzeptoren (Lehrer) aus diesen Gemeinden die lutherische Konfession erneut zu bekräftigen, indem sie die Konkordienformel von 1577, das Einheitsbekenntnis der lutherischen Kirche, beeidigend unterschrieben. (nach Eisenlohr, S. 29f.)

Eine neue Konstellation trat 1594 durch die sogenannte Oberbadische Okkupation ein: Weil Mark-graf Ernst Fortunat von Baden sein Land total verschuldet hatte, besetzte der lutherische Markgraft Ernst Friedrich von Baden-Durlach mit seinen Truppen die obere, katholische Markgrafschaft, um sie unter seine Verwaltung zu zwingen. Diese Okkupation, welche Ernst Friedrichs Bruder Georg Fried-rich ab 1604 fortsetzte, endete erst 1622, also vier Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Kriegs, und mit ihr endete auch das baden-badensche-ebersteinsche Kondominat. Davon ist weiter unten zu berichten.

1608 schlossen sich der lutherische Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach und der reformierte Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz mit anderen evangelischen Fürsten zur Protestantischen Union zusammen. 1609 wurde daraufhin von Herzog Maximilian von Bayern, dem Habsburger Kaiser in Wien und anderen katholischen Herrschaften die Katholische Liga gegründet.

 

Die kirchlichen Verhältnisse in und um Gernsbach während des Dreißigjähriges Kriegs

Die Pfarrer der Kirchspiele Weisenbach und Gernsbach in der Diözese der Grafschaft Eberstein vor und während des Dreißig-jährigen Kriegs sind mit ihren Namen sowie meist mit ihren Lebens- und Amtszeiten aufgrund der Angaben in alten Kirchenbüchern bekannt, leider aber auch nicht mehr über sie:

Von 1578 bis 1624 (also eine sehr lange Zeit von 46 Jahren) war Johann Koch (auch gen. Magirus; Geburt- und Sterbejahr unbe-kannt) Pfarrer in Weisenbach; 1585‒1595 versah er zugleich das Kirchspiel Gernsbach; während einer vorübergehenden Reka-tholisierung wurde er 1624 vertrieben.

Von 1595 bis 1611 war M. Jakob Gräter (1547‒1611, aus Schwäbisch Hall stammend) Pfarrer und Superintendent in Gernsbach. (M. = Magister)

Von 1607/1611 bis 1620 war M. Johannes Jakobäus (1582‒1620, aus Tübingen stammend) Pfarrer und Superintendent in Gernsbach.

Von 1622 bis 1660 war M. Johann Konrad Jung (Geburtsjahr unbekannt, Sterbejahr 1660, aus Straßburg stammend) Pfarrer und Superintendent in Gernsbach; zuvor war er seit 1615 Pfarrer in Ottersdorf gewesen; 1635‒1639 wurde er während einer vorüber-gehenden Rekatholisierung vertrieben.

Ferner amtierten Präzeptoren (Lehrer) und zeitweilig Diakone (Hilfspfarrer) und Stadtvikare in den Kirchspielen, deren Namen zum Teil überliefert sind. Als weltliche Verwalter amtierten In der Grafschaft Amtsvögte.

St. Jakobskirche

In Gernsbach gab es (und gibt es bis heute) zwei vorreformatorische Kirchen: die („untere“) St. Jakobskirche (so be-nannt, weil am Jakobs-Pilgerweg gele-gen) und die („obere“) Kirche Unserer lieben Frauen .

Während in der Liebfrauenkirche katho-lische Priester die Messe lasen, hielten in der Jakobskirche seit der Einführung der Reformation 1555 evangelische Pfar-rer den Gottesdienst; zeitweilig war die Jakobskirche aber auch eine Simultankir-che, das heißt: in ihr wurden sowohl evangelische als auch katholische Got-tesdienste gehalten.

2018 feiert die Pfarrei Liebfrauen das Jubiläum 775 Jahre Pfarrei in Gerns-bach. Zugleich ist es ein ökumenisches Ereignis, da die Pfarreigründung ja lange vor der Kirchenspaltung lag.

Liebfrauenkirche
Georg Friedrich von Baden-Durlach, 1620

 

Die wichtigsten Ereignisse von 1622 bis 1639

 

1622             Als der lutherische Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach am 6. Mai 1622 in der Schlacht bei Wimpfen von dem kaiserlichen Feldherrn Tilly besiegt worden war, endete nach 28 Jahren die Oberbadische Okkupation und setzte in der Markgrafschaft Baden-Baden eine Rekatholisierung ein. Unter dem regierenden Markgrafen Wilhelm wurden die Evange-lischen verfolgt, es gab sogar Hexenverbrennungen. Weil in der Grafschaft Eberstein die lutherische Konfession weiterhin begrenzt geduldet wurde, flohen viele Baden-Badener Protestanten nach Gernsbach, bis sie auch dort den Verfolgungen ausgesetzt wurden.
 

Immerhin konnten in der St. Jakobskirche noch evangelische Gottesdienste gehalten werden, allerdings bei einem Simultaneum (das bis 1634 beste-hen blieb), das heißt, dass im Chorraum katholische Messen gehalten wurden und nur im Hauptschiff evangelische

Schloss Neueberstein, Ende 17. Jhd.

Gottesdienste stattfanden. In der oberen, der Liebfrauenkirche, hielten Jesuitenpatres die Messe.Gleichzeitig richteten kaiserlich-bayerische Truppen der Katholischen Liga in der Grafschaft Ebertstein große Schäden an: Plünderungen und Mord-brennereien; hinzu kamen Missernten, Teuerung, Seuchen, Hunger.

 

1624, 1626                   Die Gegenreformation erreichte unter dem Amts-vogt Johann Jakob Heller und dem Jesuitenpater Matthias Kalkhauer mit Zwangskonversionen der Bevölkerung und Ausweisungen der evan-gelischen Pfarrer aus der Grafschaft ihren Höhepunkt. Gleichwohl gab es heimliche evangelische Haustaufen, und Evangelische besuchten heim-lich die Gottesdienste im nahen württembergischen Loffenau.

Wilhelm I. von Baden-Baden

1626 schließlich schloss Markgraf Wil-helm von Baden-Baden mit Graf Hans Jakob II. von Eberstein ein Abkommen, nach dem wenigstens in der Stadt Gernsbach beide Konfessionen ne-beneinander bestehen durften; es gab sogar konfessionell gemischte Ehen. Das Abkommen verbot allen Geistlichen, den religiösen Frieden durch hitziges Predigen zu stören.

 

1632‒1634, 1634‒1639             Nach dem Sieg des Schwedenkönigs Gustav Adolf über die kaiserlichen Truppen unter Tilly im November 1631 bei Breitenfeld nördlich von Leipzig trat 1632 in Baden

Gustav Adolf von Schweden

ein schwedisches Interim ein: Nun wurden die Katholiken bedrängt und katholische Priester vertrieben. Doch schon nach drei Jahren wendete sich das Blatt erneut durch Gustav Adolfs Niederlage 1634 bei Nördlingen: In einer erneuten Rekatholisierungs-phase wurden die evangelischen Pfarrer wieder vertrieben, so auch M. Johann Konrad Jung; evangelische Gottesdienste wurden verboten und die St. Jakobskirche in Gernsbach geschlossen. Erst fünf Jahre später erfolgte 1639 die Restituierung der Grafen von Eberstein unmittelbar durch eine Amnestie des Kaisers; in der St. Jakobskirche durften wieder evangelische Gottesdienste gehalten werden, freilich erneut in einem Simultaneum mit räumlich und zeitlich getrennten katholischen Messen. Bei diesem labilen Miteinander von Evangelischen und Katholiken blieb es bis 1648.

 

Das Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 soll im Oktober mit einem eigenen Beitrag Thema sein.

 

Literatur:

Vierordt, Karl Friedrich: Geschichte der evangelischen Kirche in dem Großherzogthum Baden, Bd. II, 1856

Eisenlohr, August: Kirchliche Geschichte der Grafschaft Eberstein seit der Reformation, 1876

Cramer, Max-Adolf: Baden-württembergisches Pfarrerbuch. Bd. 4: Baden-Baden: Pfarrerbuch für die Markgrafschaft Baden-Baden, die Grafschaft Eberstein, die Herrschaft Lahr-Mahlberg, die Herrschaft Geroldseck, 1994

Ruf, Franz: Beiträge zur Vor- und Anfangsgeschichte des Dreißigjährigen Kriegs in der Region, Baden-Baden: Staatl. Schulamt 1995, 84 S., Abb., graph. Darst. (leider nicht mehr zugänglich) Der Heimatforscher Ruf aus Ottersdorf wertete Quellen im Generallandesarchiv Karlsruhe aus, aus denen die Kriegsleiden der Bevölkerung hervorgehen, so in Muggensturm und Kuppenheim (zum Amtsbezirk Gernsbach gehörig), in Rastatt, Au am Rhein, Würmersheim, Durmersheim, Bietigheim, Ötigheim, Steinmauern, Elchesheim, Plittersdorf, Wintersdorf und Ottersdorf. Die Badischen Neuesten Nachrichten brachten auf Grund der Arbeit von Ruf eine mehrteilige Artikelserie.

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