Erwin Mülhaupt (1905 - 1996)

Pfarrer und Reformationshistoriker

 

 

Erwin Mülhaupt wurde in Todtnau im Schwarzwald geboren. Seine Eltern charakterisiert er so: „Vater schlecht katholisch, Mutter gut evangelisch“. Während seiner Schulzeit in Konstanz wurde er Mitglied in einem Schülerbibelkreis, wodurch er zur Entscheidung geführt wurde, Theologie zu studieren.

Im Landeskirchlichen Archiv in. Karlsruhe sind in seiner Personalakte drei autobiographische Aufzeichnungen aus den Jahren 1949, 1975 und 1993 erhalten. – Neuester biographischer Artikel:  BBKL, Bd. XXXIX (2018), Sp. 10311036 (Verf.: G. Schwinge).

Nach dem Studium und dem Lizenziat, also der Promotion bei Emanuel Hirsch in Göttingen über Johannes Calvins Predigten war Mülhaupt Vikar in Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim, zuletzt als Religionslehrer. Es folgten seit 1933 zehn bewegte Jahre als Pfarrer im Kirchspiel Haag im Kirchenbezirk Neckargemünd (mit den Filialen Haag, Schönbrunn und Moosbrunn). Aufschlussreich für diese Zeit in einem Dorf während des NS-Regimes ist das monatliche Gemeindeblatt „Der Lutherbote“, das Mülhaupt lückenlos herausgab, bis dem 1941 während des Kriegs wegen „kriegsbedingter Mangelbewirtschaftung“ von Papier ein Ende bereitet wurde. („Der Lutherbote“ ist vollständig erhalten, inzwischen digitalisiert und 2018 von G. Schwinge in einem Aufsatz ausgewertet worden.) Später schrieb Mülhaupt: „Anfangs glaubten wir unserm >Führer<.“ Doch schon 1934 begann seine „persönliche Abkehr von der Nazi-Partei“. Mülhaupt war kein Mitglied des NSDAP, hielt sich aber auch von den verschiedenen kirchenpolitischen Richtungen in der Landeskirche fern, so einerseits von den Deutschen Christen und von der Bekenntnisgemeinschaft andererseits. Örtlich war er gleichwohl Denunziationen und Verhören ausgesucht. – Ab 1943 musste Mülhaupt Kriegsdienst leisten, anschließend war er in Kriegsgefangenschaft, seit 1947 schloss sich eine zweijährige Pfarramtszeit in Schwetzingen an.

Schon in Haag hatte Mülhaupt seine intensive theologische Publikationstätigkeit begonnen, so dass ihm der Oberkirchenrat zeitweilig einen Vikar zur Hilfe in der Gemeindearbeit zubilligte. 1949 nun wechselte Mülhaupt, beurlaubt von der badischen Landeskirche, für „glückliche 21 Jahre“ als Dozent, bald als Professor für Kirchengeschichte an die Kirchliche Hochschule Wuppertal. Hier setzte sich Mülhaupts Publikationstätigkeit fort, mit zahlreichen Buchveröffentlichungen und unübersehbar vielen Aufsätzen und Lexikonartikeln und mit Vorträgen, auch im Ausland. Mit Mülhaupts Namen sind vor allem drei große reformationsgeschichtliche Editionswerke verbunden: die fünfbändige Edition zu Luthers Evangelien-Auslegung (1938‒1954), die dreibändige Edition zu Luthers Psalmen-Auslegung (1959‒1965) und die Beteiligung an einem internationalen Editionswerk zu Calvin mit dessen zuvor nicht edierten Predigten in sieben Bänden (1961‒1981).

Mülhaupt wird als selbstbewusst und originell, temperamentvoll und persönlich umgänglich charakterisiert, mit einer außergewöhn-lichen Arbeitsleistung.

G.S., Sept./Okt. 2019

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© Gerhard Schwinge