Georg Längin (1827 ‒ 1897)

liberaler Pfarrer, Schriftsteller, Hebel-Forscher

 

(StArchiv KA Bio-0278_8_PBS_III_885)

Johann Georg Längin wurde im Markgräfler Land geboren, wie sein schriftstellerisches Vorbild Johann Peter Hebel. Von 1865 bis 1897 war er Stadtpfarrer in der Karlsruher Weststadt, bekannt als „Vorkämpfer des kirchlichen Liberalismus“.

 

Seine Personalakte befindet sich im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe, ein Nachlass von ihm, zusammen mit dem seines Sohnes Theodor (langjähriger Direktor der BLB), in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. – Vgl. Katja Förster, Artikel J. G. Längin, 2015 (mit Bildnis), online in StadtWiki Karlsruhe. ‒ Neuester biographischer Artikel: BBKL, Bd. XLI (2020), in Vorber. (Verf.: G. Schwinge)

 

Georg Längin besuchte das Karlsruher Lyceum, dessen Direktor Hebel gewesen war. Als Pfarrer in Schiltach im Schwarzwald seit 1855 galt er als „Poet im Schiltacher Pfarrhaus“, weil er schon damals Gedichtbändchen drucken ließ; später kamen historische Trauerspiele hinzu. In den 1870er Jahren veröffentlichte Längin die erste monographische Hebel-Biographie überhaupt, eine neue Ausgabe der „Biblischen Geschichten“ Hebels und bisher unbekannte Quellen zu Hebel. Alljährlich hielt er im Karlsruher Schloss-garten an Hebels Geburtstag eine Hebel-Gedächtnisfeier.

 

In Karlsruhe ging es jedoch mehr um theologische und kirchenparteiliche Auseinandersetzungen. Der 1863 gegründete Deutsche Protestantenverein wirkte auch in Baden. Der 1865 von Längin mitgegründete Wissenschaftliche Predigerverein, dem die positiven Pfarrer fernblieben, dessen Vorsitzender Längin später wurde, vertrat ebenfalls eine liberale Kirchenpolitik. Die Konflikte eskalierten in den 1890er Jahren, als bibel- und bekenntnistreue Gemeindeglieder – die andere Seite sprach von „orthodox-pietistischer Übergläu-bigkeit“ – eine von 308 Laien unterschriebene Beschwerde gegen Längin dem Oberkirchenrat einreichten und gegen die Vertreter einer wissenschaftlich-theologischen Lehrfreit und deren Forderung protestierten, bei Taufe und Konfirmation auf das Apostolische Glaubensbekenntnis zu verzichten. In der Folgezeit solidarisierten sich jedoch 164 badische Pfarrer mit dem angefeindeten Längin. Der Oberkirchenrat hielt sich zurück und war im sog. Apostolikumstreit der folgenden Jahre um Ausgleich bemüht.

 

Nicht unerwähnt bleiben darf Längins Engagement für soziale Belange: 1871 gründete er das Kindergartenkomitee (seit 1877 Fröbel-verein) und übernahm den Vorsitz. Ab 1876 war er Mitglied des Verwaltungsrats des Pfründnerhauses und ab 1892 Ehrenmitglied des Arbeiterbildungsvereins. Auf dem deutschen Frauentag 1876 in Frankfurt a. M. setzte er sich für die Förderung der Frauenerwerbsar-beit ein. Von 1893 bis 1897 unterrichtete er am 1893 gegründeten Karlsruher Mädchengymnasium, dem ersten in Deutschland (der heutigen Lessingschule).

 

Längins Nachfolger im Pfarramt war der liberale Franz Rohde (auch hier unter den Lebensbildern), der im Jahr 1900 die bereits unter Längin geplante Christuskirche einweihen konnte.

G.S., Dez. 2019

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© Gerhard Schwinge