Gustav Rost (1884 - 1968)

Pfarrer im Elsass und in Baden, Feldgeistlicher während des Ersten Weltkriegs,

Oberkirchenrat in Karlsruhe

 

 

Gustav Rost, aus dem damals reichsdeutschen Elsass stammend, stand, nach dem Pfarrdienst im Elsass bis 1919, dann 30 Jahre lang im Dienst der badischen Landeskirche. In seiner Zeit in der Kirchenleitung während des NS-Regimes und in der Nachkriegszeit galt er als kompromissbereiter Oberkirchenrat.

Zu Rost vgl. zuletzt die folgenden Beiträge von G. Schwinge:

Kriegsbegeisterung – und was danach? Mannheimer Pfarrer und der Erste Weltkrieg. In: Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte / JbKRG. 8/9 (2014/2015), 2016, S. 259 - 286, 10 sw. Abb., hier bes. S. 281f. Erlebnisberichte badischer Theologen aus dem Ersten Weltkrieg. (Autobiograph. Texte; Kurzbericht über einen Workshop auf der Tagung des Vereins  für Kirchengeschichte zum Ersten Weltkrieg am 18.10.2014). In: ebd., S. 244 - 246, hier S. 246 Personenartikel: Gustav Rost, Pfarrer im Elsass u. in Baden, Feldgeistlicher während des I. Weltkriegs, Oberkirchenrat in Karlsruhe. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon / BBKL, Bd. 37 (= Erg.Bd. XXIV), 2016, Sp. 967 - 970 Personenartikel: Gustav Rost, Oberkirchenrat in Baden. In: Baden-Württembergische Biographien / BWB Bd. VI (2016), S. 419 - 421 Zusammenbruch und verlorene Ehre, Reaktionen innerhalb der badischen Kirche auf das Ende des Ersten Weltkriegs. In. Mannheimer Geschichtsblätter 36/2018. 2019, 4°, S. 35 - 55, Abb., hier bes. S. 45 f. Neuanfang vor 75 Jahren? Badische DC-Pfarrer nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Ende, Kontinuität und Neubeginn innerhalb der Kirchenleitung 1945/46. In:JbKRG 13 (2019), in Vorber.

Nach den Examina in Straßburg war Rost von 1908 bis 1920 Pfarrer einer Gemeinde im Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Schweiz.Gleichwohl diente er während des Ersten Weltkriegs von 1915 bis 1918 als freiwilliger, „überetatmäßiger“ Feldgeistlicher im deutschen Heer an der Westfront im südlichen Elsass; seit 1914 war er bereits als Ersatzreservist im Sanitätswesen eingesetzt gewesen. Über seine vielfältige Tätigkeit „am Mann“ führte der gewissenhafte Divisionspfarrer ein erhaltenes, akribisch geführtes Tagebuch – über die Seelsorge an der umkämpften Front und in Lazaretten, mit zahlreichen Gottesdiensten, Abendmahlsfeiern und Amtshandlungen, auch Beerdigungen (mit angegebener Todesursache). Vereinzelt werden in Tätigkeitsberichten die Gefahren ge-schildert, denen der Schreiber auf den weiten Wegen zwischen den Einsatzorten, zuerst lange zu Pferde, später mit einem einspän-nigen Wagen, durch feindliches Maschinengewehr- oder Granatfeuer ausgesetzt war. Neben den Tätigkeitsberichten enthält das Tagebuch 642 tabellarische Einträge über seine Arbeit, je mit Nummer, Datum, Zeit, Ort, Truppenteil, Teilnehmerzahl. – Rost wurde mit dem Eisernen Kreuz und dem Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen ausgezeichnet.

Nach dem Verlust des Elsass und noch vor seiner Aufnahme in den badischen Kirchendienst hielt Rost 1921 auf einem Pfarrkonvent ein langes Referat, das anschließend in den Kirchlich-positiven Blättern gedruckt erschien – Thema: Aus der Kriegsarbeit für die Friedensarbeit – Erfahrungen und Folgerungen. Rosts Schilderungen seiner Erfahrungen und seine Folgerungen daraus sind nüch-tern und pragmatisch. Es ging ihm um den normalen Dienst des Pfarrers in Predigt und Seelsorge, in Kriegszeiten wie in Friedens-zeiten. Die angebliche religiöse Wiedergeburt am Anfang des Krieges sei Strohfeuer gewesen. Nach wie vor stünden dem Pfarrer drei Gruppen von Menschen gegenüber: die „Gebildeten“, großenteils mit ihrer religiösen Indifferenz; die einfachen Menschen, deren religiöse Aufnahmefähigkeit umso lebendiger sei, je geringer der Grad der intellektuellen Verbildung (sic) sei; und die Mittelschicht im Bildungsspektrum, am unerfreulichsten in ihrer Halbbildung. In jedem Fall sei die Predigt das tragende und vermittelnde Organ des religiösen Lebens, aber die Seelsorge die Grundvoraussetzung für eine lebendige Gemeinde: Ein schlechter Prediger ist für eine Gemeinde eine viel geringere Gefahr als ein fauler Seelsorger, und selbst bei mangelnder Predigtbegabung hat seelsorgerliche Treue schon manche tote Gemeinde geweckt und lebendige Gemeinden nicht verkümmern lassen.

Seit 1922 war Rost Stadtpfarrer an der Trinitatiskirche in Mannheim ‒ innerhalb der überwiegend liberalen Mannheimer Pfarrerschaft ein bewusster Vertreter der Kirchlich-Positiven mit deutsch-nationaler Gesinnung. Noch entschiedener war seine kirchenpolitische Frontstellung gegen extreme Rechte wie gegen Linke, so während der Landessynode 1932/33 gegen die Religiösen Sozialisten. 1933 wurde Rost vom neuen Landesbischof Julius Kühlewein in den Oberkirchenrat berufen. Eigentlich ein Gegner von Polarisierung und vor allem Politisierung der Kirche, bemühte sich Rost zwar um Ausgleich, bekannte sich aber als kirchenpolitischer Gegner sowohl der Deutschen Christen als auch des Nazi-Regimes. Wie er kein Mitglied der NSDAP war, so aber auch kein Mitglied der Bekennenden Kirche. Als 1938 dem Oberkirchenrat eine staatliche Finanzabteilung aufgezwungen wurde, suchte er eine Zusammen-arbeit so weit wie möglich zu verhindern. Im verbliebenen Oberkirchenrat ging es ihm um einen Ausgleich zwischen den positiven und den DC-Oberkirchenräten und um Kontinuität in der Arbeit der Kirchenleitung. So konnte er die gesamte Zeit des Nationalsozialismus über in diesem Amt bleiben.

Nach Ende des Krieges kandidierte Rost als Repräsentant einer kompromissbereiten Landeskirche1945 auf der Vorläufigen Brettener Synode vergeblich für das Bischofsamt.1946 wurde er aber als Oberkirchenrat bestätigt. Der neu gewählte Landesbischof Julius Bender machte ihn zu seinem ständigen Stellvertreter. Den Neuanfang in der badischen Landeskirche nach dem Krieg prägte Rost trotz oder gerade wegen seiner zurückhaltenden Wesensart wesentlich mit. Doch innerhalb der Kirchenleitung stand Rost nie in der ersten Reihe. Mit 65 Jahren trat er 1949 in den Ruhestand.

 

G.S., Juli/August 2019

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© Gerhard Schwinge