Hanns Löw (1889 – 1967)

Karlsruher Stadtpfarrer, Religiöser Sozialist

Im Portikus der Stadtkirche mit zwei der Säulen,

im Hintergrund Teile des Marktplatzes mit der Pyramide

 

Hanns (Kaspar Johann) Löw, Sohn eines Bauern, studierte, in Erlangen Straßburg und Heidelberg Theologie (als Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung zeichneten ihn fortan Schmisse im Gesicht) und war seit 1912 Vikar in Südbaden. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 meldete er sich sogleich als Kriegsfreiwilliger und diente zunächst als Sanitäter, bald aber als Kommandanturpfarrer bei Lille in Nordfrankreich. Hier lernte er die Laborschwester im Heeresdienst Margarete (Deta) Brode aus Pommern (†1985) kennen; 1916 heirateten sie. Bald darauf wurde Löw als Divisionspfarrer an die Ostfront versetzt. Nach Kriegsende wurde er 1919 Pfarrvikar und ab 1920 Pfarrer in der Diasporagemeinde Riegel am Kaiserstuhl, in ökumenischer Eintracht mit der katholischen Mehrheit. 1931 wechselte er nach Karlsruhe, wo er bis zu seinem Ruhestand 1965 Pfarrer der Altstadtpfarrei II war, und zwar der sozial schwierigen Pfarrei, dem „Dörfle“. Diese fast 35 Jahre während des NS-Regimes, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit prägten ihn, und umgekehrt prägte er seine Gemeinde, so dass ein dort 1965 gebautes Gemeindezentrum und die daran vorbeiführende Straße bis heute seinen Namen tragen.

 

Quellen und Literatur: Personalakte im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe: PA 2.0, Nr. 5994/95 (darin 10 Predigten aus 1912 – 1965, darunter 4 Visitationspre-digten von 1925, 1931, 1951, 1965) ‒ Deta Löw, Verachtet und geliebt. Großstadtpfarrer im Dörfle, Erinnerungen an Hanns Löw, Karlsruhe 1973; 63 S.; dies., Im Wechselspiel der Zeiten. Überschau eines Lebens, Karlsruhe 1981, 118 S.; Die Evangelische Landeskirche in Baden im Dritten Reich. Quellen zu ihrer Geschichte / ELBDR, passim in Bd. I, III u. VI, Karlsruhe 1991, 1995, 2005; Bd. VI, S. 431: Biogramm u. Register; G. Schwinge, Artikel H. L. in: BBKL Bd. 41 (2020), in Vorber.).

 

Erlebnisse im Krieg hatten Löw zum Pazifisten und zeitlebens zum Abstinenzler werden lassen. Schon 1919 wurde er Mitglied der SPD und 1924 Anhänger der neuen Bewegung der Religiösen Sozialisten. Seine Prägung war für die Kirchenleitung der Grund, ihn nach Karlsruhe als Pfarrer des „Dörfle“, der Altstadtpfarrei II zu berufen. Sehr bald nach 1930 wurde Löw als SPD-Pfarrer von der Gestapo bespitzelt. Für den Oberkirchenrat war er ebenfalls ein unbequemer Mann. So gab es bereits Mitte 1932 – wie später noch häufiger ‒ eine Beschwerde gegen Löw wegen dessen „sozialistischer Propaganda“. Umgekehrt ging er zusammen mit seinem (positiven) Amtsbruder an der Stadtkirche Karl Mondon (Altstadtpfarrei I) im November 1932 gegen kirchliche Trauungen in SS- oder SA-Uniform an. Noch bevor die SPD und die KPD im Mai 1933 vom Staat verboten wurden, verlangte die Kirchenleitung von den religiös-sozialistischen Pfarrern den Austritt aus der SPD. Daraufhin schloss er sich, weiterhin als der „rote Löw“, der badischen Bekenntnisgemeinschaft an. ‒

 

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 setzte für Löw über den üblichen Pfarrdienst hinaus eine besonders schwere Zeit ein: Seelsorge an alten und armen, oft hungernden und frierenden Gemeindegliedern, erst recht mit Einsetzen des Bombenkriegs, der nach und nach die ganze Stadt zerstörte. 1942 kam es zur weitgehenden Zerstörung der Pfarrwohnung. Krankheiten in der Familie und bei Löw selbst belasteten die Angehörigen. Die Kontrolle durch die Gestapo, besonders der Predigten des Pazifisten Löw, hielt an. Am 4. Dezember 1944 brannte die Stadtkirche nach einem Fliegerangriff völlig aus. Ende 1944 lebten von vorher 200.000 Einwohnern Karlsruhes noch 20.000 in der Stadt: Frauen, Kinder und Alte waren vielfach evakuiert worden; die Männer waren meist zum Wehrdienst eingezogen, oft schon gefallen oder vermisst, so auch beide Söhne Löws. –

 

1945 folgte ein Neubeginn zwischen Trümmern und Schutthaufen der zu 60 Prozent zerstörten Stadt Karlsruhe. Gottesdienste fanden lange wegen der zerstörten Kirchen in einem Gasthaussaal statt. In der Seelsorge kamen zu den ausgebombten Gemeindegliedern noch viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus dem Osten hinzu. Zusammen mit seinem Freund Heinz Kappes und einem Vertreter der katholischen Kirche gründete Löw 1951 die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammen-arbeit Karlsruhe“. Dass sich Löw 1955 gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und gegen die atomare Aufrüstung einsetzte, war bei seinem Pazifismus nicht anders zu erwarten. Er engagierte sich auch in der Städtepartnerschaft Karlsruhes mit dem französischen Nancy.1958 war der Wiederaufbau der Stadtkirche abgeschlossen, mit einer ungewohnten modernen Gestaltung des Innenraums; die Einweihung folgte am 1. Advent. Im September 1965 begann im 76. Lebensjahr für den kranken Löw der Ruhestand, der nur zwei Jahre währte.

G.S., 2020

 

 

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© Gerhard Schwinge