Egon Güß (1902 ‒ 1991)

konsequenter Pfarrer in der Badischen Bekenntnisgemeinschaft

Gründer der Theologischen Sozietät Baden

 

 

Foto: LKA Karlsruhe 2.0., Nr. 6700

 

Egon Thomas Güß, geboren in Konstanz, war 20 Jahre Pfarrer der Landgemeinde Stein bei Pforzheim (1933‒1953) und 14 Jahre Religionslehrer-Pfarrer am Kant-Gymnasium in Karlsruhe (1953‒1967). Im Studium war er in Berlin durch den Systematiker Paul Tillich (Religiöser Sozialismus) und später von Sören Kierkegaard (Das Christentum ist nicht Lehre, sondern Nachfolge) beeinflusst worden.

Quellen: Landeskirchl. Archiv Karlsruhe / LKA: PA 6700/6701 (Personalakte); Nachlass Güß (in Privatbesitz, Korrespondenzen u. Manuskripte) Pfarrarchiv Stein ‒ Die Ev. Landeskirche in Baden im Dritten Reich / ELBDR. Quellen zu ihrer Geschichte, Bd. I‒VI, hg. von H. Rückleben, H. Erbacher, G. Schwinge, (Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der Ev. Landeskirche in Baden / VVKG Baden 43. 46. 48. 60. 61. 62) 1991‒2005, hier: Bd. VI, S. 408 (Biogramm u. Register zu den Quellentexten).

Schriften: keine eigenen gedruckten Schriften‒ Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" [1930] im Lichte der Bibel. Referat, gehalten auf der Pfarrkonferenz in Durlach am 11. Juni [1934], MS, in: Nachlass Güß (Privatbesitz) ‒ Zur kirchenpolitischen Lage in Baden, Denkschrift (Anlage: Entwurf einer Wahlordnung für eine bad. Bekenntnissynode), 1939, vervielf. (auch in LKA: GA 2733), abgedruckt (ohne Wahlordnung) in: ELBDR, Bd. IV, hg. von G. Schwinge, 2003, S. 310‒316.

Literatur, biograph. Artikel: G. Gerner-Wolfhard, Egon Thomas Güß. Ein ev. Dorfpfarrer, in: Der Widerstand im deutschen Süd-westen 1933‒1945, hg. von M. Bosch u. W. Niess, (Schriften zur polit. Landeskunde Baden-Württembergs 10) 1984, S. 83‒93 ‒ ders., Vom Bekennen zum Handeln. Eine bad. Landgemeinde auf dem Weg von Barmen nach Dahlem, in: entwurf - Religionspä-dagog. Mitteilungen, 1984, Nr. 1/2, S. 79‒82 ‒ S. Höpfinger, E. Th. G. Ein religiöser Sozialist u. NS-Gegner, in: Badische Theolo-gen im Widerstand, hg. von R.-U. Kunze, (Porträts des Widerstands 8) 2004, S. 25‒44 ‒ G. Gerner-Wolfhard, "An der Lüge kann ein Kirchenwesen zugrunde gehen". Pfarrer E. Th. G. in Stein u. die Stimme der Theol. Sozietät in Baden in den Jahren 1945 und 1946, in: Unterdrückung ‒ Anpassung ‒ Bekenntnis. Die ev. Kirche in Baden im Dritten Reich u. in der Nachkriegszeit, hg. von U. Wennemuth (VVKG Baden 63) 2009, S. 415‒434 ‒ G. Schwinge, Art. in: Baden-Württembergische Biographien / BWB VV; 2013, S. 125 f. – ders., Art. in BBKL, Bd. XXXIV, 2013, Sp. 442‒446.

Anfangs fühlte er sich für das Pfarramt nicht geeignet, woraufhin ihn die Kirchenleitung beim kirchlichen Jugend- und Wohlfahrtsamt der Industriestadt Mannheim beschäftigte. Hier heiratete Güß 1927 eine sechs Jahre ältere Fürsor-gerin; Kinder gingen aus der Ehe nicht hervor. Bei aller Sympathie für die Weimarer Republik und den Religiösen Sozialismus beteiligte er sich in beidem nicht aktiv.

Obwohl bereits als „Roter“ bekannt, vermochten es Güß und seine Frau von 1933 an, durch biblische Predigt und persönliche Seelsorge in der konservativen Dorfgemeinde Stein das Vertrauen der Gemeindeglieder zu gewinnen. Das bewährte sich immer wieder in der hartnäckigen Auseinandersetzung mit dem NS-Staat. Als bekennende Gemeinde wehrte sich Stein gegen Eingriffe des Staats, verzichtete auf die Erhebung von Ortskirchensteuer und lebte wie eine Freikirche von ihren Kollekten. Kirchengemeinderat und Gemeinde standen ebenfalls hinter ihrem Pfarrer, als sie gemeinsam 1938 einen Gemeindebevollmächtigten der staatlichen Finanzabteilung im Karlsruher Oberkirchenrat erfolgreich verhinderten.

Seiner theologischen und kirchenpolitischen Überzeugung blieb Güß in der Zeit des Dritten Reichs und danach stets treu. Während er das Anpassungsverhalten der Kirchenleitung kritisierte, warf er auch der Badischen Bekenntnisge-meinschaft und dem Landesbruderrat unter Pfarrer Karl Dürr zu große Kompromissbereitschaft vor. Die badische Kirche war für ihn keine „intakte“, sondern eine „zerstörte Landeskirche“. Ab November 1934 predigte er in beson-deren abendlichen Bekenntnisgottesdiensten, so auch in der Durlacher Stadtkirche.

Im Frühjahr 1938 war er einer der ersten unter schließlich nur acht badischen Theologen, die den empfohlenen Treueid auf den Führer Adolf Hitler verweigerten. Ebenso gehörte er zu den über 400 Pfarrern, die mit ihrer Unter-schrift gegen die Einsetzung einer staatlichen Finanzabteilung beim Oberkirchenrat protestierten. Mit Gleichge-sinnten, überwiegend Vikaren, gründete Güß 1939 nach württembergischem Vorbild die Theologische Sozietät in Baden. Diese forderte vergeblich die Wahl einer Bekenntnissynode (seit 1932 hatte es keine Landessynode mehr gegeben) und die Bildung einer bekennenden Kirchenleitung. Eine von Güß verfasste Denkschrift „Zur kirchenpo-litischen Lage in Baden“ vom Juni 1939 wurde in 100 Exemplaren vervielfältigt und verteilt, bewirkte jedoch eher Ärger als Zustimmung.

Erst nach dem Ende des Weltkriegs (immer wieder konnte er sich als unabkömmlich vom Kriegsdienst befreien lassen), nun aber mit großer Entschiedenheit, konnte Güß ab Oktober 1945 zusammen mit seinen Freunden in der Theologischen Sozietät den Kampf um eine Erneuerung der Landeskirche fortsetzen (Wort der Sozietät: „Zur gegen-wärtigen kirchlichen Lage in Baden“). Statt der allzu schnellen Wiederanknüpfung an 1932 und einer Restauration mit oft denselben kirchenleitenden Personen aus der Zeit vor 1945 (v. a. in den Personen des juristischen Oberkir-chenrats Dr. Otto Friedrich und des Landesbischofs Julius Kühlewein müsse ein wirklicher Neuanfang erreicht werden. Darin eingeschlossen war die Distanzierung von der sog. Oberländer synodalen Zusammenkunft unter Karl Dürr am 1. August 1945 und von der Vorläufigen Landessynode Ende November 1945 in Bretten. Friedrich war für Güß „der Exponent einer säkularisierten, nicht mehr im Ernst vom Wort Gottes gerichteten Kirchenpolitik“. Ein konkreter Beitrag der Sozietät zur Neuordnung waren die von Güß unterzeichneten „Gesichtspunkte zur Gestaltung einer künftigen Pfarrwahlordnung“, welche das seit 1933 geltende „Führerprinzip“ bei der Pfarrstellenbesetzung ablösen sollten. Die Ekklesiologie von Güß und der Theologischen Sozietät ging vielmehr von der Verantwortung der Einzelgemeinde aus.

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© Gerhard Schwinge