Heute Sudokufieber ‒ zu Hebels Zeiten Rätselsucht

 

 

 

Sudokufieber

 

In einer Samstagsausgabe der Tageszeitung fanden sich an drei verschiedenen Stellen zusammen zehn Sudokus und selbst in der Montagsausgabe noch fünf Sudokus an zwei Stellen. Ebenso stößt man jetzt in Fernsehzeitschriften, Gemeindeanzeigern und anderen Printmedien überall auf diese neue Art von Rätselaufgaben, die gar nicht leicht zu lösen sind. Doch die Beschäftigung mit Sudokus scheint geradezu fieberartig zur Tötung von Langeweile in Zeiten der Corona-Krise und zur Selbstbestätigung nach erfolgreicher Lösung zu dienen.

 

Rätselsucht

 

Zu Zeiten des Dichters Johann Peter Hebel gab es am Beginn des 19. Jahrhunderts in Karlsruhe im gehobenen Bürgertum bei dessen gesellschaftlichen Zusammenkünften in Gasthäusern eine andere Art Rätselsucht. Untereinander wurden ausgetauscht: Worträtsel, meistens kurz / Silbenrätsel, damals Charaden genannt, mit getrennter und gemeinsamer Bedeutung der Silben eines Worts, meist mehrzeilig und oft gereimt / Buchstabenrätsel, sogenannte Logogriphen, Wörter, die sich durch Hinzufügen oder Wegnehmen von Buchstaben verändern ‒ jeweils nach geheimnisvoller Umschreibung zu erraten, durchaus mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden.

Von dieser „Sucht“ des damals so genannten Charadenwesens erzählte Hebel Anfang 1804 in Briefen an seinen Freund Dekan Hitzig in Lörrach, der ihm ebenfalls Rätsel geschickt hatte, dem Hebel aber einmal mühsam die Lösung eines seiner Rätsel erläutern musste und dem er wiederum eine Reihe weiterer Rätsel zuschickte. Im Januar 1807 soll sich in Karlsruhe sogar aus Vergnügen eine „Große Charaden- und Rätsel-Akademie“ konstituiert haben, einschließlich auswärtiger Mitglieder.

Durch Hebel sind in den verschiedensten seiner und fremder Veröffentlichungen 150 bis 200 solcher Rätsel überliefert worden, kurze und lange, ungereimte und gereimte. Kurz vor seinem Tod soll Hebel sogar selbst eine große Rätselsammlung handschriftlich zusammengestellt haben; sie ist leider nicht erhalten.

 

Beispiele

 

Ich helfe Kisten laden, doch mach ich auch Charaden.

 

Mein Körper ist von Holz, sehr leicht zu brechen, / mein Herz kann ohne Stimme mit euch sprechen.

 

Immer steh‘ ich umgeben von Toten, / und immer geh‘ ich wie andere Boten.

 

Die erste findet ihr in jeder Schar. / Ade! so ruft die zweite immerdar / den Scheidenden, wenn sie uns lieb gewesen. / Das Ganze habt ihr eben jetzt gelesen.

 

Die erste strömt von Anbeginn / der Welt bis an ihr Ende hin. / Die zweit‘ und dritt‘ entscheiden / im blinden Augenblick oft über Reu‘ und Freuden. / Das Ganze / ist eine Pflanze.

 

Nehmt vorne mir ein M und hinten mir ein L, / dann wandelt sich, wie im Ovid so schnell / ein weiblich Bild, verschmitzt und fein / in ein bekanntes Vögelein.

                                                                                                                   (zum 10. Mai 2020, dem 260. Geburtstag Hebels)

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© Gerhard Schwinge