Buchbesprechung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Protestantische Räume
im Wandel der Zeit. 12 Kirchen
in Baden.

 

Hrsg. von der Evangelischen Stiftung Pflege Schönau, Heidelberg: Kurpfälzischer Verlag 2017, 132 S., 100 farb. Abb., 4°

Die Evangelische Stiftung Pflege Schönau (ESPS) in Heidelberg dokumentiert mit diesem Band, erstmals in Buchform, welche Renovierungsmaßnahmen sie in den Jahren 1998 bis 2012 ihrem Stiftungszweck entsprechend in den Innenräumen von zwölf ausgewählten Kirchen durchgeführt und zu großen Teilen finanziert hat.

Die ESPS, die in Deutschland zu den 15 größten Stiftungen öffentlichen Rechts zählt, ist eine Vermögensverwaltung der Evangelischen Landeskirche in Baden, deren Ver-mögen aus dem ehemaligen, im Zuge der Reformation 1560 aufgelösten Kloster Schönau im Odenwald stammt und das aus Land- und Immobilienbesitz besteht. Mit den Erträgen aus Waldbewirtschaftung, Erbbau- und Pachtverträgen, Immobilien- und Wohnungsvermietungen wird der Stiftungszweck: kirchliches Bauen finanziert, außer-dem eine Teilbesoldung von Pfarrstellen; schließlich fließen weitere finanzielle Mittel in den Haushalt der Landeskirche.

Die zwölf Kirchen wurden zwischen 1200 und 1964 errichtet. Sie werden chronologisch je auf zehn Seiten präsentiert, zu etwa drei Fünfteln mit großformatigen farbigen Foto-grafien und zu zwei Fünfteln durch Text. Sieben der zwölf Kirchen sind mittelalterliche, also vorreformatorische Bauwerke; neun befinden sich in Nordbaden, drei von ihnen in Heidelberg.

Die hervorragend gelungenen Aufnahmen machen das Buch zu einem schönen Bild-band. Die doppelseitigen Bilder in jedem der Kapitel lassen allerdings oft gerade wertvolle Details im Mittelfalz verschwinden. Von mehreren Kirchen werden keine Außenaufnahmen gezeigt, sondern nur Innenaufnahmen. Sechs der zwölf Kirchen werden ebenfalls in sog. Blätterkatalogen der ESPS von je 20-30 Seiten präsentiert, online als downloads zugänglich, nicht jedoch in Bibliotheken oder gar im Buchhandel.

Die Texte beschreiben die wechselvolle Geschichte der jeweiligen Kirche „in essayis-tischer Form“, weil „das Buch nicht nur [!] den fachkundigen Leser, sondern die interessierte regionale Öffentlichkeit erreichen“ will. (Eigentext der Herausgeberin) Kapitelüberschriften (Beispiele: Rettung in letzter Sekunde / Tapfere gotische Schön-heit / Kirche im Doppelpack / Alles fließt / Heiliger Beton) und journalistische Textpas-sagen wie stilistische Fehlgriffe sind die Folge, nach Meinung des Rezenten: unange-messen und zum Nachteil des Buchs. (Nach Auskunft der „Leiterin Kommunikation“  der ESPS sind „die Texte sehr wohl gekürzt, überarbeitet und lektoriert worden“. Auf Umwegen war zu erfahren, dass die Texte von einer freien Journalistin verfasst wurden. Ein Name wird hier, wie in der gesamten Buchbesprechung, nicht genannt.) Ergänzt werden alle Kapitel durch Statements des jeweiligen, namentlich genannten Ortspfarrers bzw. der Ortspfarrerin.

Auf der Impressumsseite wird also kein Textverfasser genannt, wohl aber der Name des Fotografen und der von zwei bekannten fachkundigen Lektoren, einem promovier-ten Theologen und einem promovierten Historiker. Eröffnet wird das Buch mit einem Gespräch zwischen einem Kulturmanager und einem der Gemeindepfarrer, weil eine Kirche nicht nur Gottesdienstraum sei, sondern auch „Lebensort“ (nach den auftau-chenden Beispielen besser gesagt: eine Konzert- und Eventhalle). – Den Band beschließt eine Selbstdarstellung der ESPS; Literaturhinweise fehlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedenskirche

 

Heidelberg - Handschuhsheim 2012

Das vorletzte Kapitel (S. 110-119) sei als ein zu hinterfragendes und notwendigerweise zu ergänzendes Beispiel besonders betrachtet. Die Friedenskirche in Handschuhs-heim* wurde gemäß den Vorgaben des Wiesbadener Programms von Hermann Beha-ghel, dem Leiter der Kirchenbauinspektion Heidelberg, in einem gemischt-historisti-schen Stil mit Jungendstilelementen erbaut und im Jahr 1910 eingeweiht. Nach den im Zweiten Weltkrieg erlittenen Schäden wurde die Kirche 1960 ursprungsgetreu rekon-struiert, mit der Einschränkung, dass die strenge Prinzipalien-Achse aufgegeben und die Kanzel links an die Chorbogenecke versetzt wurde.

 

1910

1960

In den Jahren 2011-2012 wurde die Kirche nun durch den Bauträger, die ESPS, reno-viert (neue Elektroinstallation, neue Heizung) und nach einem Architekten-Wettbewerb im Innenraum neu gestaltet: durch eine vom Altar bis zur Orgel verlaufende Stufenan-lage einschließlich Kanzel. In diese neue Achse der Prinzipalstücke, angelehnt an das Wiesbadener Programm, wurde der alte Taufstein vor dem Altar und inmitten der Ge-meinde integriert. Die bisherigen Kirchenbänke wurden durch eine moderne variable Bestuhlung ersetzt. (Aus technischen und finanziellen Gründen nicht ebenfalls auf den drei Emporen.) Durch einen hellen Wandanstrich wurde der Kirchenraum, im Gegen-satz zu vorher, zu einer lichten Halle.

Diese Neugestaltung, vor allem die Stufenanlage, war in der Kirchengemeinde vier Jahre lang heftig umstritten und wurde schließlich im April 2012 nur mehrheitlich gut-geheißen. Noch weitergehende Umgestaltungspläne aus früheren Planungsphasen wurden nicht verwirklicht. Die ESPS dagegen versäumt es immer wieder nicht, darauf hinzuweisen, dass die Neugestaltung der Friedenskirche mit zwei Architekturpreisen bedacht worden ist.

Zu Einzelheiten: Der dunkle Altarblock aus Bronze hat auf der Vorderseite ein einge-prägtes Kreuz, welches jedoch kaum zu erkennen ist. (In einer früheren Planungs-phase war ein neben dem Altar stehendes großes Holzkreuz vorgesehen, sowie ein Altar mit Beinfreiheit zum besseren Daranstehen.) Der Altarblock veränderbar: Er kann vorne in der Mitte in einem breiten Teil zu einer goldfarbenen Nische geöffnet werden, die ebenfalls mit einem angedeuteten Kreuz versehen ist. Außerdem ist der Altarblock zerlegbar und kann somit ganz fortgeräumt werden. Als Kanzel dient ein ebenfalls dunkel-metallenes Lesepult oder Ambo, auch abräumbar. (S. 118: „Statt Kanzel: Der leichte Ambo wandert auf der Treppe hin und her.“ Von einer Predigtkirche kann insofern bei der Friedenskirche nicht mehr die Rede sein.) Die Stufenanlage besteht aus unterschied-lich langen, hellen Steinstufen von zwei wechselnden Höhen (was eine Sturzgefahr bedeutet, wenn man nicht die seitlichen Geländer benutzt). Auf einer der Stufen kann ein unifarbenes Parament (ohne Symbole oder Schrift) in den vier Kirchenjahrsfarben Grün, Violett, Weiß oder Rot ausgelegt werden. Die Stufenanlage dient vor allem den Chorkonzerten der Kirchenmusik, für die dann jedoch vorübergehend durch Holzpo-deste die Stufen in ihren Längen und Höhen ausgeglichen werden müssen. An den Sichtflächen der Stufen sind verstreut einzelne Worte aus Hölderlins „Friedensfeier“ eingraviert, also keine Bibelworte.

Die Texte der Buchveröffentlichung auf den Seiten zur Friedenskirche fallen durch –  um es vorsichtig auszudrücken – Ungewöhnlichkeiten auf. Die Kapitelüberschrift lautet: Alles fliEsst (nach dem klassisch-griechischen πάντα ῥεῖ - panta rhei) – aber was fließt denn da? Rechtschreibfehler oder falsche Jahreszahlen können passieren, sollten durch ein sorgfältiges Lektorat aber korrigiert werden. Wenn die Bildlegende zu dem die Kirche prägenden Kirchenfenster über dem Hauptportal völlig falsch ist, zeigt das nur, dass die Texterin und andere nicht genau hingesehen und auch nicht die vorliegende Literatur zur Friedenskirche herangezogen haben.

Oberer Teil des Friedensfensters der Handschuhsheimer Friedenskirche

Meinen Frieden gebe ich euch.                           Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 (Von Orgel und Orgelmusik, Kirchenmusik und Chorkonzerten ist oft die Rede, von Kirchen-
 fenstern nur selten.)


Generell ergibt sich die Frage: Erhalten oder Verändern?** Die Denkmalschutzbehörden unterbinden lediglich Veränderungen am äußeren Baukörper der Kirchen und an unbeweg-lichen Teilen in deren Innenräumen. Gleichwohl erhielten andere nach dem Wiesbadener Programm zwischen 1900 und 1912 in Baden erbaute Kirchen bei den erneuten Renovie-rungen in den Jahren 2002 bis 2018 mehrheitlich im Innern die ursprüngliche Kirchenraum-gestaltung unverändert, so zum Beispiel zur Zeit wiederum die Lutherkirche in Karlsruhe, erbaut 1907.

 

* Literatur (chronologisch): Eva-Maria Prückner, Die Friedenskirche, in: Evangelische Kirchengemeinde Heidelberg-Handschuhsheim 1885 – 1910 – 1985, Mannheim 1985, 167 S., Abb., hier S. 34~65 (ältere Lit.) / Bernd Müller, Architekturführer Heidelberg, Mannheim 1998, 288 S., Abb., hier S. 144f. / Hans Gercke, Kirchen in Heidelberg, Regensburg 2011, 112 S., Ab., hier S. 80-83 / Gerhard Schwinge, Lebensbild Hermann Behaghel, in: Lebensbilder aus der evang. Kirche in Baden im 19. u. 20. Jahrhundert, hrsg. durch den Verein für Kirchengeschichte in der Evang. Landeskirche in Baden, Band V: Kultur und Bildung, hrsg. von G. Schwinge, Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Heidelberg  u. a. 2007, 536 S., Abb., hier S. 233f. / Willi Schwöbel, Gerhard Schwinge, Almut Meyer, Glasmalerei der Friedenskirche, Heidelberg-Handschuhsheim 2011, 55 S., Abb., bes. S. 38-54 / www.die-neue-friedenskirche.de (2011) / Evangelische Stiftung Pflege Schönau, Blätterkatalog: Die Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim, Innenrenovierung 2011-2012, Heidelberg 2013, 27 S., Abb. (www.esp-schoenau.de/servicelinks/downloads - in Bibliotheken u. im Buchhandel nicht nachweisbar).

** Vgl. den Aufsatz des Verfassers, der demnächst im Jahrbuch für Kirchen und Religionsgeschichte, herausgegeben vom Verein für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden (Kohlhammer Verlag Stuttgart 2018) erscheint: Erhalten oder verändern? Evangelische Kirchen in Baden aus den Jahren 1900 bis 1912 – Last oder Chance?

Neue Beiträge:

 

1918 - Das Ende des Staatskirchentums

 

1648 - Das Ende des Dreißigjährigen Kriegs

 

1718 - Karlsruhe wird Residenzstadt

 

1818 - Die Badische Verfassung

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Hinweis:

Alle Abbildungen können durch Anklicken vergrößert werden.

Der Prediger tritt hinter seiner Botschaft zurück, seine nach

oben weisende Hand verbirgt

sein Gesicht

Der Vortragende hat seine Zuhörer im Blick

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© Gerhard Schwinge