Teil VII:

 

„Flegeljahre“ der badischen Kirche?

Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Konservativen

(1843 – 1850)

 

 

Die Unionssynode von 1821 hatte die seit Jahren in der Erarbeitung befindlich neuen Kirchenbücher, nämlich einen Unionskatechismus, ein Unionsgesangbuch und eine Biblische Geschichte noch nicht beschließen können. Als Erstes wurden Hebels Biblische Geschichten von 1824 in Gebrauch genommen und blieben es bis 1855. Als Zweites wurde 1830 ein provisorischer Unionskatechismus zur Erprobung herausgebracht, was jedoch durch die Proteste von sieben erweckten Pfarrern um Aloys Henhöfer sogleich zu einem bis 1834 dauernden Katechismusstreit führte. Gleichwohl wurde der Erprobungskatechismus 1834 durch die erste Generalsynode nach der Unionssynode freigegeben; ebenso wurde 1836 ein erstes Unionsgesangbuch gedruckt.

Danach schien eine Phase der Konsolidierung und Beruhigung gekommen zu sein, wenn auch das in der Erweckungsbewegung aufgekommene Konventikelwesen misstrauisch oder feindlich beäugt wurde. Schon Im Vorfeld vor der zweiten Generalsynode von 1843 änderte sich das aber, als eine in der Vorrevolutions- und Revolutionszeit bis 1850 anhaltende Auseinandersetzung zwischen Spätrationalsten und Spätpietisten über den Zustand der Kirche, einschließlich ihres Verhältnisses zum Staat, losbrach. Über sieben Jahre hinweg wurde deutlich, welche Spaltung im Grunde nach wie vor in der Landeskirche herrschte. Ein anonymer Autor nannte die Jahre seit 1843 bereits 1846 wegen ihrer zahlreichen öffentlichen Streitigkeiten in Landtag und Kirche „Flegeljahre“

 

 

 

 

Hinter dem unten gezeigten Bucheinband von 2013 verbergen sich 95 Seiten, auf denen fast 40 gedruckte Quellen ‒ Broschüren, Flugschriften, Zeitschriften und Zeitungen ‒ ausgewertet werden und je drei Hauptvertreter und Wortführer beider kirchlich-theologischer

Richtungen im Mittelpunkt stehen:

 

Spätrationalisten bzw. Liberale (auch „Lichtfreunde“ genannt)  v. o. n. u.:

 

Karl Zittel (1802‒1871), Pfarrer und Dekan in Heidelberg an der Peterskirche und an der Providenzkirche, Mitglied des badischen Landtags 1842‒1851 und 1848 der National-versammlung in der Frankfurter Paulskirche, 1852‒1867 Vorsitzender des Gustav-Adolf-Vereins – Verf. von u.a.: Zustände der ev.-prot. Kirche in Baden, 1843, XIII, 307 S. (Auslöser der Streitigkeiten) – 1845‒1847 Red.: Der Morgen-bote, Blätter für Glaubensfreiheit und Volksbildung (wchtl) – Motion auf Gestattung einer Religionsfreiheit, begründet in der badischen II. Kammer, 1845 u. 1846 (von Großherzog Leopold nicht zugelassen, stattdessen Auflösung des Landtags)

 

Wilhelm Dittenberger (1807‒1872), Vikar in Heidelberg, Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität, Lehrer am Predigerseminar; Pfarrer an der Heiliggeistkirche, 1846‒1852 Vorsitzender des Gustav-Adolf-Vereins.

 

Georg Friedrich Schlatter (1799‒1875), Vikar und radikalliberaler Pfarrer in Linkenheim und Heddesheim,1844 strafversetzt nach Mühlbach bei Eppingen. 1848 Mitglied des badischen Landtags und der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, 1849 Alterspräsident der Verfas-sunggebenden Versammlung der Provisorischen Revolu-tionsregierung in Baden, 1850 aus dem Pfarrdienst entlassen und wegen Hochverrat zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, nach 5 Jahren amnestiert – Verf. von u.a.: Pietismus, Mysticismus und Orthodoxismus in ihrer Verwandtschaft und ihrem Unterschiede, 1845  ‒ Verfassung der ev.-prot.  Kirche in Baden, wie sie ist und wie sie sein soll, 1848, XI, 151 S.

 

 

 

 

Spätpietisten bzw. Konservative („Bekenntnistreue“, Positive), v. o. n. u.:

 

Karl Mann (1806‒1869), einer der Hauptvertreter der badi-schen Erweckungsbewegung, Schüler Henhöfers und einer der „7 Aufrechten“ des Katechismusstreits 1830‒1834, 1830 Vikar in Grötzingen, Friedrichstal und Spöck, 1833‒1842 Pfarrer in der Korntaler Brüdergemeinde in Württemberg, danach wieder in Baden, 1859 Pfarrer und Dekan in Eppin-gen ‒ Verf. von u.a.: Was thut unserer Kirche noth? Mit Rücksicht auf die Schrift: „Zustände … von Karl Zittel“ zu beantworten versucht, 1843, 111 S. ‒ Hrsg.: Das Reich Gottes. Christliches Volksblatt für das Rheinland 1844 ff. (wchtl.)

 

Wilhelm Stern (1792‒1873), 1814 Lehrer bei Pestalozzi in Yverdon in der Schweiz, 1819 Diakonus (Pfarrervertreter) in Gernsbach, 1823 Professor, dann 1837 Direktor des neu gegründeten ev. Schullehrerseminars in Karlsruhe, seit 1832 Anhänger der Erweckungsbewegung Henhöfers, seit 1856 im Ruhestand – Verf. von u.a.: Zum Antrag auf Glaubensfrei-heit, gestellt in der II. bad. Kammer von dem Abgeordneten Pfarrer Zittel., 1846

 

Karl Rein (1800‒1865), 1821 bis 1843 Hauslehrer, Vikar, Pfarrer an verschiedenen Orten in der bad. Kirche, seit 1843 in Nonnenweier, dort seit 1851 zugleich Seelsorger des dorthin gekommenen Diakonissenmutterhauses der Regine Jolberg – Verf. von Flugschriften, u.a.: Innerer Nothstand in der ev. Kirche in Baden. Ein Wort an das ev. Volk, 1847 (16 S., 3 Auflagen) –Weckstimme über den jetzigen Zustand und die drohende Gefahr der ev. Kirche Deutschlands, insbes. Badens. Ein Wort an das ev. Volk, 1849 ‒  Zweite Weckstim-me über die dem Reiche Gottes und dieser Welt noch bevor-stehenden Hauptereignisse, zunächst über die nahe Wiede-rkunft des Herrn. Ein Wort an das ev. Volk, 1850 – Worte wehmütiger Klage über den gesunkenen Glaubensstand der ev. Kirche, an das ev. Volk, 1850, 30 S.

Die Kirchenleitung, vor allem in Person von Prälat Ludwig Hüffell (1784‒1856, Prälat 1828‒1853), versuchte auszugleichen, zunächst mit wenig Erfolg. So antwortete Hüfell auf Schlatters Schrift über den Pietismus von 1845 sogleich 1846 mit dem Buch: Der Pietis-mus, geschichtlich und kirchlich beleuchtet, mit Beantwortung der Frage: wie demselben auf die geeignete Weise zu begegnen sey?, 1846, 104 S.

1850 endeten die Auseinandersetzungen. Außer Schlatter standen die genannten Theologen auch danach noch im Dienst der Kirche. Das heißt aber nicht, dass es den Gegensatz von liberal und positiv (wie es fortan hieß) nicht mehr gab, ganz im Gegenteil. Wie die folgenden Teile dieser Kleinen Kirchengeschichte zeigen werden, folgte – jeweils mit immer neuen theologisch-kirchlichen, themenbezogenen „Streit“-Jahren ‒ zwischen 1850 und 1860 als Reaktion auf die Jahre der Revolution zwar ein Positives Interim, dann nach 1860 eine liberale Ära, mit einer neuen Kirchenverfassung von 1861, und im letzten Viertel des Jahrhunderts die förmliche Gründung kirchenpolitischer Vereinigungen. Das 20. Jahrhundert brachte neue Spaltungen.

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© Gerhard Schwinge