Teil VI:

Kirchliche Vereine in Baden in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts

gegründet durch die Erweckungsbewegung: Missionsverein 1839, AB-Verein 1849;

gegründet im Liberalismus: Gustav-Adolf-Verein 1843, Landesverein für Innere Mission 1849.

Ihre Entstehung, unter dem Einfluss von außen

und ihr Fortbestehen bis heute in veränderter Gestalt

 

 

Nach der Union von 1821, welche die Trennung zwischen Lutheranern und Reformierten aufgehoben hatte, ergab sich mehr und mehr eine neue Spaltung, nämlich die zwischen den Erweckten, später Positive genannt, denen die Union zu weit gegangen war, und den Liberalen, für die sie nur einen Anfang darstellte. Diese Spaltung sollte das ganze 19. Jahrhundert hindurch andauern. Beide Richtungen waren in der ersten Jahrhunderthälfte Gründer von bis heute wirkenden kirchlichen Vereinen, zwei Unterstützungsver-einen, einem diakonischen Verein und einem evangelistischen Gemeinschaftsverband.

 

Der Evangelische Missionsverein von 1839,

ein Verein für äußere Mission, zur Ausbildung und Aussendung von Missionaren in der „Heidenmission“. Er vereinte im19. Jahrhundert zahlreiche örtliche Hilfsvereine (Kollektenvereine), zur Unterstützung der Basler Mission von 1815, welche aus der 1780 entstandenen pietistischen Deutschen Christentumsgesellschaft heraus, zusammen mit württembergischen Pietisten unter der Führung von Christian Friedrich Spittler (1782‒1867), dem Sekretär der Christentumsgesellschaft, gegründet worden war.

Zum ersten Präsidenten des badischen Missionsvereins wurde 1839 der Mannhei-mer Oberhofgerichtsrat Jakob Jung (1774‒1846, von ihm gibt es leider keine Bildnis) gewählt, ein Sohn des „Patriarchen der Erweckung“, Johann Heinrich Jung-Stilling (1740‒1817). Zu den ersten Mitgliedern gehörten auch Aloys Henhöfer, das Haupt der badischen Erweckungsbewegung, und dessen Freund Wilhelm Stern.

Heute gibt es in Baden keinen solchen Missionsverein mehr. Vielmehr ist die Evangelische Landeskirche in Baden zusammen mit anderen Institutionen, auch der Basler Mission, Mitglied im Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland EMS, jetzt (um Erinnerungen an die unselige Kolonialzeit zu vermeiden:)

Christian Friedrich Spittler

Evangelische Mission in Solidarität EMS / Mission 21, mit Sitz in Stuttgart.

Die EMS wiederum ist eins von vielen Mitgliedern in dem Dach- und Fachverband Evangelisches Missionswerk Deutschland / EMW, mit Sitz in Hamburg.

www.emw-d.de

 

Der Gustav-Adolf-Verein von 1843

 

ein Hilfswerk zur Unterstützung evangelischer Gemeinden in der Diaspora, d.h. in der Zerstreuung, inmitten einer katholischen Mehrheit. Am Anfang stand die 1832 in Leipzig gegründete Gustav-Adolf-Stiftung. Name und Ziel von Stiftung und Verein sollten an den 1832 tödlich verwundeten König Gustav II. Adolf von Schweden erinnern, dem Beschützer der Protestanten im Dreißigjährigen Krieg, welcher ein Konfessionskrieg gegen eine katholische Übermacht war.

 

Der badische Gustav-Adolf-Verein wurde 1843 auf Bitten des Darmstädter Prälaten Karl Zimmer-mann (1803‒1877) gegründet. Erste Vorstandsmitglieder waren die mehr liberalen Theologen oder Vermittlungstheologen: Carl Ullmann, Wilhelm Dittenberger und Richard Rothe (von denen in folgen-den Teilen dieses kirchengeschichtlichen Überblicks noch die Rede sein wird), Bald entstanden zahlreiche örtliche Zweigvereine.

König Gustav II. Adolf von Schweden, gest. 1832

Heute gibt es in Baden eine sogenannte Hauptgruppe Baden des Gustav-Adolf-Werks e.V., des  Diaspora-werk der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Sitz in Leipzig.

www.gaw-baden.de / www.gustav-adolf-werk.de

 

 

Innere Mission

 

Als Erster rief Johann Hinrich Wichern (1808‒1881), der Begründer der Rettungshausbewe-gung und des Rauhen Hauses in Hamburg im September 1848 auf einem Kirchentag in Wittenberg zu einer inneren Mission auf.

In Baden entstanden daraufhin im Folgejahr 1849 zwei (konkurrierende) Vereine für innere Mission. Trotz wiederholter Bemühungen gelang es nicht, die beiden Vereine zusammenzu-führen. Während der erste sich mehr und mehr zu einem Gemeinschaftsverband entwickelte, wurde der zweite ein Verein mit ausschließlich diakonischem Charakter.

 

 

 

    Johann Hinrich Wichern

 

In Baden entstanden daraufhin im Folgejahr 1849 zwei (konkurrierende) Vereine für innere Mission. Trotz wiederholter Bemühungen gelang es nicht, die beiden Vereine zusammenzuführen. Während der erste sich mehr und mehr zu einem Gemeinschaftsverband entwickelte, wurde der zweite ein Verein mit ausschließlich diakonischem Charakter.

Schon 1845 hatte der erweckte badische Pfarrer Ernst Friedrich Fink (1806‒1873), Hausgeistlicher der staatlichen Heil- und Pflegeanstalt (Irrenanstalt) Illenau in Achern (Mitteilbaden) seit deren Gründung 1842, angesichts seiner Tätigkeit die Schrift „Der evangelische Verein, ein Aufruf an die Gemeinde“ veröffentlicht.

                                                                                                                                                                          Ernst Friedrich Fink              

 

 

AB-Verein von 1849

Verein für innere Mission augsburgischen Bekenntnisses (gegr. 24. Jan.)

 

„zur Rettung aus dem geistlichen und leiblichen Verderben unserer Zeit (Innere Mission)“ ‒ ein evangelistischer Verein, angesichts der sozialen und geistlichen Not der beginnenden industri-ellen Zeit. „Väter“ des Vereins waren wiederum Aloys Henhöfer (1789‒1862) und Ernst Friedrich Fink.

Heute ist der Verein als Verband im Bereich der badischen Landeskirche weiterhin aktiv, jedoch ohne Verflechtung mit der offiziellen Kirche, regional gegliedert, mit örtlichen Gemeinschafts-kreisen, meist in Form von Bibelabenden, mit hauptamtlichen „Pastoren“ oder ehrenamtlichen Laienpredigern, darüber hinaus gibt es nach Personengruppen aufgeteilte Arbeitsbereiche, außerdem eine Schriftenmission in Form von Herausgabe periodischen Schrifttums. Die zentrale Einrichtung des Verbands ist das Bibelheim Bethanien in Langensteinbach (Gemeinde Karlsbad, zwischen Karlsruhe und Pforzheim.)

           Aloys Henhöfer

                                                                                                            https://ab-verband.org/

 

 

 

 

 

 

 

 

Landesverein für Innere Mission von 1849 (gegr. 12.April)

 

Weniger erwecklich-evangelistisch geprägte Geistliche und Laien gründeten bewusst zweiein-halb Monate  nach dem AB-Verein einen Landesverein für innere Mission, der die Mehrheit der Evangelischen des Großherzogtums repräsentieren sollte. Zum ersten Vorstand gehörten unter anderen Ernst Friedrich Fink (dieser also engagiert in beiden Vereinen) und Carl Ullmann (dieser war ebenfalls im Gustav-Adolf-Verein engagiert).

Unter dem Einfluss des Landesvereins wurden in den großen Städten des Landes in den folgenden Jahrzehnten eigenständige Stadtmissionen gegründet, mit gleicher Zielsetzung wie der Landesverein: Unterhaltung sozialer Einrichtungen zur Betreuung Hilfsbedürftiger, insbeson-dere Alten- und Pflegeheime.

Heute sind alle diese Vereine sind zusammengefasst im Diakonischen Werk (DW), einem der fünf Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, also der allgemeinen Sozialfürsorge der Gesellschaft, neben den anderen großen Wohlfahrtsverbänden: Arbeiterwohlfahrt (AWO), Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz (DRK)und Deutscher Caritas-Verband (DCV).                                                                                                                                          Carl Ullmann

Der Badische Landesverein für Innere Mission ist wegen seiner allgemeinen gesellschaftlichen Bedeutung zudem eine eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR).

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© Gerhard Schwinge