Teil VIII:

Lutherische Separation / Ullmanns positive Kirchenregierung / Agendenstreit (1850 – 1860)

 

 

Lutherische Separation (1850‒1854)

 

Auf die Revolution von 1848 wie auf die kirchlichen Auseinandersetzungen der 1840er Jahre folgten gegenläufige Reaktionen, nicht nur im Politischen, sondern auch in der badischen Kirche. Sie währten jedoch nur rund ein Jahrzehnt.

1850 beginnend, trennten sich einige wenige Pfarrer und zusammen mit ihnen immer wieder Familien und sogar vereinzelt mittelbadische Gemeinden von der Landeskirche, um ihrem lutherisch geprägten Glauben treu zu bleiben. So entstand, wie auch andernorts in Deutschland, eine freie evangelisch-lutherische Kirche. Für Baden sind vor allem Pfarrer Carl Eichhorn (1810‒1890) und die Gemeinde Ispringen bei Pforzheim zu nennen. Wie Eichhorn trennten sich auch Georg Friedrich Haag (1806‒1875) in Ispringen, ein Freund Henhöfers, und der noch gar nicht rezipierte, also unter die Pfarramtskandidaten aufgenommene Max Frommel (1830‒1890) aus der weitverzweigten badischen Familie Frommel von der Landeskirche. Alle drei Pfarrer verließen im Laufe ihres Lebens die Heimat Baden und gingen nach Hessen oder Schlesien oder Hannover. In einer Schrift bekannte Eichhorn 1850 gegenüber seiner Gemeinde Nußloch bei Wiesloch und damit öffentlich, dass die unierte Kirche Badens eine falsche Lehre im Katechismus, namentlich kein reines Abendmahlssakrament habe und daher eine falsche Kirche sei. Nach Jahren in Schlesien wurde Frommel 1858 Pfarrer einer freien lutherischen Gemeinde in Ispringen, wo 1855 Haag entlassen worden war, weil er lutherische Traditionen wiederherstellen wollte. –

Heute gibt es in Baden neben landeskirchlichen Gemeinden außer der in Ispringen noch an fünf Orten Gemeinden der freien Evangelisch-lutherischen Kirche in Baden (ELKiB), in Kirchengemeinschaft mit der Selbständigen Evangelisch-lutherischen Kirche (SELK).

 

Gemälde von Th. Rocholl, (Ev.-luth. Christusgemeine Korbach)

 

Ära Ullmann (1853‒1860)

1853 wurde der Heidelberger Theologie-professor Carl Ullmann (1796‒1865) zum Prälaten gewählt, nach Hebel, Johannes Bähr und Ludwig Hüffell (1784‒1856) der vierte in diesem Amt. Ullmann war ein positiver Vermittlungs-theologe und bemühte sich, in diesem Sinn die Landeskirche zu leiten.
 

1855 fand nach der Unionsynode von 1821 und den Generalsynoden von 1834 und 1843 die dritte Generalsynode statt.] Auf ihr wurden der Bekenntnis-Para-graph 2 der Unionsurkunde neu formu-liert, Hebels Biblische Geschichten revidiert sowie eine neue, eine positive Agende (Gottesdienstordnung) und die Erarbeitung eines neuen Gesangbuchs beschlossen.

 

Ullmann 1836 – Familiennachlass Ullmann/Auffarth

Landeskirchliches Archiv Karlsruhe 150.096

 

 

 

Agendenstreit (1858‒1860)

Die neue Agende von 1855, die 1858 vom Landesherrn sanktioniert worden war und der die theologisch-kirchlichen Gegner der reformiert-liberalen Seite katholisierende Tendenzen vorwarfen, löste sogleich einen vielstimmigen, sich bis in Gemeinden hinein ausbreitenden Agendenstreit aus.

Ullmann, der 1856 in der Nachfolge eines Juristen zum Direktor des Oberkirchenrats ernannt worden und damit an die Spitze der Kirchenregierung gerückt war, wurde wegen seiner kirchenpolitischen und bekenntnismäßigen Haltung von der liberalen Seite unter Führung des Heidelberger Theologieprofessors und Predigerseminardirektors (seit 1851) Daniel Schenkel (1813‒1885) scharf angegriffen. Darum traten er und sein Freund Oberkirchenrat Karl Bähr Ende 1860 von ihren Ämtern zurück. Damit endete die nur wenige Jahre währende positive Ära.

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© Gerhard Schwinge