Teil V:

 

 

Erweckung ‒ Katechismusstreit ‒ Anfänge der Kinderdiakonie

(1823 – 1851)

 

Aloys Henhöfer – Regine Jolberg – Henriette Frommel

 

 

Es hatte fast zwanzig Jahre, nämlich von 1803 bis 1821 gedauert, die Kirchen, genauer: die beiden evangelischen Konfessionen der Lutheraner und der Reformierten im neuen Baden, nicht nur zu einer Verwaltungsunion wie seit 1807, sondern auch zu einer Kon-sensusunion zu vereinen. Doch selbst dann gab es nicht überall und in jeder Frage Einmütigkeit. Während in den vorher reformierten Landesteilen im Norden die Begeisterung vorherrschte, war es im ehemals lutherischen Oberland vielfach Gleichgültigkeit. Nicht nur ein gemeinsames neues Unionsgesangbuch ließ noch bis 1834 auf sich warten, mehr noch war die Katechismusfrage über 1821 hinaus, trotz mehrerer Entwürfe seit 1801 bis zum posthum gedruckten Katechismusentwurfs Hebels von 1828, umstritten, sollte ein neuer Unionskatechismus doch weniger ein Lehrbuch als ein Bekenntnisbuch sein und aus der Verwaltungsunion eine Bekennt-nisunion werden. – Wie im Staat die Restauration der Zwanziger Jahre ab etwa 1830 durch den Liberalismus des Vormärz abgelöst wurde, so lässt sich mit einiger Übertreibung sagen, dass die Union nun auf Grund mancher Kompromisse einem kirchlichen Liberalismus den Weg bereitete. Dagegen wandte sich die Erweckungsbewegung Aloys Henhöfers, aus der ebenfalls die Anfänge der Diakonie erwuchsen.

Aloys Henhöfer (1789‒1860), Haupt der badischen Erweckungsbewegung

 

Der katholische Priester Aloys Henhöfer in der Patronatsgemeinde der Freiherren von Gemmingen in Mühlhausen bei Pforzheim wurde um 1820 durch intensives Bibelstu-dium sowie indirekt beeinflusst durch den katholischen Reformtheologen Johann Michael Sailer und durch die Lektüre der christozentrischen Schrift des katholischen Initiators der Allgäuer Erweckungsbewegung Martin Boos „Christus für uns und in uns“ (2. Aufl. 1818) zur Erweckung geführt. Seine Predigten waren fortan statt Moralpredig-ten nunmehr Buß- und Gnadenpredigten und fielen in der Gemeinde auf fruchtbaren Boden. Seine Gegner jedoch verklagten ihn bei der Kirchenbehörde, die ihn 1822 im bischöflichen Ordinariat in Bruchsal in Gewahrsam nahm. In diesem Jahr veröffentlichte Henhöfer seine persönlichste, vorerst wichtigste Schrift: „Christliches Glaubensbe-kenntnis des Pfarrers von Mühlhausen, seiner Gemeinde gewidmet“. Daraufhin wurde er seines Amtes enthoben und exkommuniziert.

 

Bis dahin ohne Kontakt zur badischen Landeskirche, trat Henhöfer Anfang April 1823  in der Schlosskapelle zu Steinegg mit Julius von Gemmingen, dessen Familie und mit 40 Familien aus der Gemeinde zur evangelischen Kirche über. Die liberale badische Landeskirche hatte zunächst Bedenken, Henhöfer unter ihre Pfarramtskandidaten aufzunehmen. Doch der Großherzog ernannte ihn schon nach drei Monaten zum Pfarrer in Graben nördlich von Karlsruhe.

Auch hier rief Henhöfer als geistesmächtiger, volkstümlicher Prediger eine Bewegung hervor. 1827 wurde er in die Nähe nach Spöck mit dem Filialort Staffort berufen, wo er 33 Jahre lang bis zum Tod Pfarrer blieb. Von dort aus breitete sich durch ihn und mehr und mehr durch mit ihm befreundete Pfarrerkollegen die badische Erweckungsbewegung aus, auch durch 25 Vikare, die Henhöfer im Laufe der drei Jahrzehnte in der Gemeindearbeit unterstützten.

 

Katechismusstreit (1830‒1834)
 

1830 endlich gab die Kirchenbehörde, nämlich die Evangelische Kirchensektion im Ministerium des Innern, mit einem Juristen als Direktor an der Spitze, einen vorläufigen Landeskatechismus zur Erprobung heraus. Weil sie diesen für nicht schrift- und bekenntnis-gemäß hielten, gaben Henhöfer und sechs seiner inzwischen gewonnenen Freunde und Mitstreiter, später das „Fähnlein der sieben Aufrechten“ genannt; eine Gegenschrift heraus, außerhalb Badens in Speyer, weil sie wohl Disziplinarmaßnahmen befürchteten:

Der neue Landeskatechismus der evangelischen protestantischen Kirche des Großherzogthums Badens, geprüft nach der heiligen Schrift u. den symbol. Büchern. Eine Vorarbeit für die bevorstehende Generalsynode. Geschrieben im Jenner 1831. Hennhöfer [sic], Pfr. zu Spöck u. Stafforth / Käß, Pfr. zu Graben / Dietz, Pfr. zu Friedrichsthal / Hager, Pfr. zu Mühlhausen / G. Frommel, Vikar in Karlsruhe / G. F. Haag, Pfarrverweser zu Hagsfeld u. Rintheim / Karl Mann, Pfarrverweser zu Grötzingen. ‒  Speyer 1831

Weil sich in den folgenden vier Jahren für und wider den Landeskatechismus mehrere Autoren zu Wort meldeten, spricht man vom Katechismusstreit. Dieser wurde durch die Generalsynode von 1834, der ersten landesweiten unierten Synode nach der Unions-synode 1821, beendet durch die Annahme und Einführung des wenig veränderten Katechismus von 1830, ausdrücklich als Lehrbuch gedruckt 1836.

„Mutter“ Regine Jolberg geb. Zimmern (1800‒1870)

Gründerin des Mutterhauses für Kinderpflege in Leutesheim und Nonnenweier    

 

Das Werk von „Mutter Jolberg“ ist in der Erinnerung eng mit Nonnenweier verbunden und mit dem vielfachen Wirken in der badischen Erweckungsbewegung. Bis es dazu kam, war ein langer Weg zurückzulegen. Aus einem wohlbegüterten, jüdischen Elternhaus in Heidelberg kommend, war Regine Zimmern mit 29 Jahren zum zweiten Mal Witwe geworden und hatte, bei zwei Töchtern aus der ersten Ehe, zwei Töchter aus der zweiten Ehe früh durch den Tod verloren. Gemeinsam mit dem zweiten Mann hatte sie sich 1826 taufen lassen, zunächst mehr mit dem württembergischen als mit dem badischen Pietismus in Berührung gekommen. Immerhin hatte sie schon in dieser Zeit durch die Verbindung zu dessen Schwieger-sohn Professor Schwarz in Heidelberg von dem „Patriarchen der Erweckung“ Jung-Stilling (†1817) und durch die Verbindung zur Familie derer von Gemmingen von dem Haupt der badischen Erweckungsbewe-gung Henhöfer gehört. Bald geprägt von pietistischer Frömmigkeit, hat sich Regine Jolberg dann autodidaktisch in die Kinderpflege eingearbeitet und war als Mitglied im Heidelberger Armen- und Frauenverein 1835 an der Gründung der erste Heidelberger Kleinkinderschule beteiligt, der dritten in Baden nach denen in Rastatt und Mannheim.

1840 nahm Regine Jolberg ihren Wohnsitz in Leutesheim bei Kehl, wo der erweckte Ernst Fink aus dem weiteren Umkreis von Henhöfer Pfarrer war. Hier gründete sie 1844 ein „Mutterhaus für Kinderpflege“ mit der Ausbildung von Kleinkinderpflegerinnen.

Darüber schrieb sie auch in dem „Volksblatt“ der Erweckungsbewegung „Das Reich Gottes“, dessen Redakteur der Henhöfer-Freund Karl Mann war und mit dem sich eine weitere Zusammenarbeit und eine lebenslange Freundschaft ergab. Beim Jahresfest 1846 der Bildungsanstalt für Kinderpflege in Leutesheim hielt Henhöfer die Festpredigt. In dem danach konstituierten Komitee zu Unterstützung der Anstalt arbeitete auch Karl Rein mit, der dritte Pfarrer der Erweckungsbewegung, mit dem Regine Jolberg in nähere Verbindung kam. 1851 zog das Mutterhaus für Kinderpflege schließlich nach Nonnenweier bei Lahr um, an den Ort, mit dem sein Name künftig und bis heute verbunden war und wo ein Schlösschen gemietet werden konnte.

 

Dass daraus 1917 das Diakonissenhaus Nonnenweier wurde, hängt mit dem organisatorisch und finanziell angeratenen Anschluss an den Kaiserswerther Verband zusammen. Heute ist Nonnenweier wieder eine Einrichtung des Fachverbands Pflege und Ausbildung. Geschichtlich sind die Einrichtungen in Leutesheim und Nonnenweier jedoch als einer der Anfänge der Kindergartenarbeit anzusehen.

 

„Frau Galeriedirektor“ Henriette Frommel geb. Gambs (1801‒1865)

Beginn der Kleinkinderbetreuung und der Kinderschwesternausbildung in Karlsruhe

 

Die Gründerin der ersten Kinderbewahranstalt von 1837 in Karlsruhe hieß zeitle-bens nach der Konvention der damaligen Gesellschaft „Frau Galeriedirektor From-mel“, weil sie seit 1826 Ehefrau des elf Jahre älteren Karlsruher Maler-Professors Carl Ludwig Frommel war, dieser war beteiligt an den Anfängen des Badischen Kunstvereins und der Staatlichen Kunsthalle, andererseits Mitglied einer weit verzweigten badischen Pfarrerfamilie. Als Tochter eines elsässischen lutherischen Pfarrers in Paris geboren, bewies Henriette Frommel bei sechsfacher familiärer Mutterschaft, als Mutter der Kinder ihres zuvor verwitweten Mannes und eigener Kinder und später der Pflegekinder, gleichwohl Eigenständigkeit. Ihre Söhne Emil und Max wurden ebenfalls Pfarrer und erlangten einige Aufmerksamkeit, Emil als späterer Hofprediger Kaiser Wilhelms I. seit 1869 und Max seit etwa 1850 als einer der Initiatoren der lutherischen Separation in Baden (dazu später im übernächsten Teil). Unabhängig von den Söhnen war Henriette Frommel vielfach verbunden mit Vertretern der badischen Erweckungsbewegung, deren Anhängerin sie wurde. Ein Vetter ihres Mannes war Gustav Frommel, einer aus dem „Fähnlein der sieben Aufrechten“ oder der „sieben neuen Glaubensprediger“ im Katechismusstreit (siehe oben). Daraus ergaben sich Kontakte zu Henhöfer und zu dessen Freund Wilhelm Stern, Direktor des Karlsruher Lehrerseminars.

1848 beendete Henriette Frommel nach über zehn Jahren von heute auf morgen ihre Mitarbeit im „Verein der Kleinkinderbewahr-anstalt Karlsruhe“, weil an die Stelle des bisherigen kollegialen Vorstands ein gewählter Präsident trat. Frau Frommel wirkte zwar noch mit, als 1849 aus dem bisherigen Verein das Karlsruher Evangelische Diakonissenmutterhaus Bethlehem im Kaiserswerther Verband, damals vor allem als Einrichtung für Krankenpflegeausbildung entstand, heute verbunden mit einer Wohnanlage für Betreutes Wohnen und mit einer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in landeskirchlicher Trägerschaft.

 

Doch als 1851 zusätzlich in Karlsruhe eine Diakonissenanstalt mit Krankenhaus eröffnet wurde, war Henriette Frommel schon nicht mehr dabei: Mehr und mehr hatte sie eine Distanz zur unierten Landeskirche empfunden, besonders zu deren liberalen Kräften. Daran hatte sich auch nichts mehr geändert, als 1849 aus der Erweckung heraus der Evangelische Verein für Innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses gegründet wurde (dazu auch später im nächsten Teil), mit Stern als erstem Vorsteher, bis heute als sogenannter AB-Verein in der badischen Landeskirche bestehend. Vielmehr begab sich Henriette Frommel Mitte der 1850er Jahre zusammen mit ihrem Sohn Max und ihrem Ehemann sowie anderen in die lutherische Separation und lebte mit ihrem Mann bis zum Lebensende in der neu entstandenen freikirchlichen evangelisch-lutherischen Gemeinde Ispringen bei Pforzheim, wo Max Frommel Pfarrer geworden war.

 

Damals und heute

 

Regine Jolbergs und Henriette Frommels Werke von damals bestehen so heute nicht mehr, verändert im Wandel der Zeiten zur mehrheitlich nichtkirchlichen Professionalisierung der „Kinderpflege“, das heißt, hin zur heutigen Bildung von Kindern im Kinder-garten- bzw. Vorschulalter und von der Kinderschwesternausbildung zur Fach(hoch)schulausbildung von Erzieherinnen und männlichen Erziehern (vor 150 bis 200 Jahren undenkbar).

                                                                                                                                                                        G.S., Juli 2020

 

 

 

 

 

 

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© Gerhard Schwinge