Teil X:

Neue (liberale) Ära 2:

 Schenkelstreit 1864‒1867 und Gründung eines

Wissenschaftlichen Predigervereins 1865

 

 

Im Februar 1864 veröffentlichte der Heidelberger Theologieprofessor Daniel Schenkel (1813‒1885) seit 1851 zugleich Direktor des Predigerseminars in Heidelberg, sein über 400 Seiten umfassendes Buch Das Charakterbild Jesu, welches den wohl heftigsten theologischen Streit in der Geschichte der badischen Kirche auslöste, mit vielfacher Beteiligung nicht nur von Pfarrern, sondern auch von Laien und mit Auswirkungen weit über Baden hinaus.

                 Daniel Schenkel

 

Ein anonym verfasstes, im August 1864 in ganz Baden verbreitetes Flugblatt von 8 Seiten wandte sich an alle evangelischen Christen mit der Aufforderung, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Vermutlich stammt das Flugblatt von dem engagierten Freiburger Gemeindeglied, Sozialpolitiker und Seidenfabrikanten Carl Mez.(1808‒1877) .

                                Carl Mez

Am Beginn der später sog. Leben-Jesu-Forschung, überging Schenkel in seinem Werk sowohl die Geburt als auch die Auferstehung Jesu Christi als nicht historisch. Er wollte dadurch zu einem neuen Glaubensbewusstsein führen. So lautet sein Motto auf dem Titelblatt: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Conflikt des Unglaubens und Glaubens. ‒ Göthe.“

Außer um die damit gegebene Frage der Christologie ging es in dem vielstimmigen, das ganze Jahr über anhaltenden Streit um die Freiheit der theologischen Forschung und zugleich um den seit 1838 bestehenden Predigerseminar-Zwang für alle badischen Pfarramtskandidaten. Diese obligatorische Verpflichtung wurde schließlich durch die Generalsynode 1867 aufgehoben und das zuvor landeskirchliche Seminar der staatlichen Theologischen Fakultät angeschlossen.

Eine weitere Folge des Schenkelstreits war die Gründung des Wissenschaftlichen Predigervereins im April 1865. In ihm sollten sich Pfarrer über wissenschaftliche Aspekte der Theologie informieren und austauschen können. Die Einladung zur Gründung veröffentlichten 33 meist liberale Pfarrer und Theologieprofessoren im Süddeutschen evangelisch-protestantischen Wochenblatt, unter ihnen Richard Rothe (1799‒1867), Daniel Schenkel und Vater Karl Zittel (1802‒1871) und Sohn Emil Zittel (1831‒1899). Ein Vertreter der Positiven befand sich nicht darunter. Im Gegenteil, sie reagierten in ihrem Evangelischen Kirchen- und Volksblatt ablehnend, unter Hinweis auf ihre seit 1863 existierende Landespredigerkonferenz, behauptend, „daß das Bedürfniß gründlicher wissenschaftlicher Vertiefung in die heilige Schrift und gemeinsamer Besprechung theologischer Fragen bei uns schon längst vorhanden ist“.

Auf der zweiten Versammlung des Predigervereins im Grünungsjahr 1865 wurde statt des umstrittenen Schenkel der neutralere, noch junge Hofprediger Karl Doll (1827‒1905, ab 1877 Prälat) gewählt.

                                                                                                                                                                         Karl Doll

 

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© Gerhard Schwinge