Wusstest du schon …

dass eine Pfarrfrau von heute nicht die gleiche ist

wie die vor 100 oder mehr Jahren?

 

 

 

Von Luthers „Herr Käthe“ über die Frau des Pfarrers bis zur Frau Pfarrerin mit männlicher Pfarrfrau

 

16.‒17. Jahrhundert

Luther: Mein Herr Käthe – die erste Pfarrfrau

Lucas Cranach und Werkstatt, 1528

 

 

 

 

 

Luther, der Bauernsohn, hatte die adlige, aus dem Kloster geflohene Zisterziensernonne Katharina von Bora bei sich

im ehemaligen Kloster der Augustinereremiten in Wittenberg aufgenommen und 1525 im Alter von 42 Jahren geheiratet.

Sehr bald wurde sie verantwortlich für den immer größer werdenden, sich aus Gärten und Landwirtschaft und Viehställen autark versorgenden Haushalt, mit zwischen 35 bis 50 Per-sonen, Studenten, Verwandten und Hausangestellten, Freunden und Kollegen des Reformators und Theologieprofessors, mit aufgenommenen Waisen und im Laufe der Jahre mit sechs eigenen Kindern. Katharina von Bora soll die vielfältigen Herausforderungen hervorragend gemeistert haben, dabei freilich eigenmächtig, weshalb Ihr Gemahl von ihr als von seinem Herrn Käthe sprach. Im Übrigen sind Luthers Äußerungen zur Ehe allgemein und zu seiner eigenen Ehe aus heutiger Sicht durchaus fragwürdig.

 

 

 

18.‒19. Jahrhundert

Der Pfarrherr als der Mittelpunkt, die Pfarrfrau
im Hintergrund

Lithographie von Adolph von Menzel, um 1832

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Titel dieser Lithografie heißt: Luther als Familienvater – so wie man sich ihn im 19. Jahrhundert vorstellte. Die Szene zeigt gleichsam einen Prototyp der evangelischen Pfarrfamilie dieser Zeit: mit dem Pfarrherrn als Mittelpunkt, der Pfarrfrau im Hintergrund, mehreren Kindern (fünf oder sechs). In der Tat war der Pfarrer der Herr des Hauses, während seine Frau ‒ von Pfarrfrau redete man erst später – für die drei „K“ zuständig war: für die Kinder (bis zu zehn), für Küche und Keller, nicht immer mit einer Magd als Hilfe. Oft war die Frau des Pfarrers selbst eine Pfarrerstochter. Ihre Mitarbeit in der Pfarrei in eigener Verantwortung gab es noch nicht. Bekannt ist, dass viele berühmte Gestaltender Geistesgeschichte Pfarrerssöhne waren und aus solchen Familien kamen. So zum Beispiel Friedrich Nietzsche mit seinen drei Geschwistern in einem dörflichen lutherischen Pfarrhaus in Sachsen geboren wurde und aus einer generationenlang nachgewiesenen Pfarrerfamilie stammte.

 

 

20. Jahrhundert

Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Pfarrfrauen langsam zunehmend eine eigene Berufsausbildung, jedoch damit noch lange nicht auch eine eigene Berufsausübung, und sei es nur in Teilzeit. Sie wurden vielmehr als Gehilfin des Pfarrers angesehen, also als unbezahlte Kraft im Dienst der Gemeinde, neben ihrem Muttersein von oft zahlreichen Kindern.

Über die Entwicklung von der studierten Theologin über die Vikarin zur Pfarrerin, heute auch in kirchenleitenden Ämtern, wurde in einem anderen Beitrag über Vikarinnen in dieser Rubrik der Website schon geschrieben. Noch 1971 musste es zur Klarstellung in einer offiziellen Verlautbarung der badischen Landeskirche heißen: „Pfarrer im Sinne der Grundordnung ist auch die Pfarrerin.“. Eine Bischöfin hat es in Baden noch nicht gegeben, wohl aber sind jetzt (2020) zwei der sechs Oberkirchenräte, also der Referatsleiter in der Kirchenleitungsbehörde, Oberkirchenrätinnen und eine der beiden Prälaten ist eine Prälatin. Von den 23 Dekanen in den 23 Kirchenbezirken der Landeskirche sind elf Dekaninnen, von den 23 Schuldekanen sind sieben Schuldekaninnen.

 

21. Jahrhundert

Heute stehen in der badischen Landeskirche nach Auskunft des Pfarrvereins etwa 45% der Gesamtpfarrerschaft als Pfarrerinnen im kirchlichen Dienst. Die meisten von ihnen dürften verheiratet sein, von diesen mehrheitlich sogar Kinder haben. Der Ehemann, selbst berufstätig oder auch nicht, kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, sozusagen als männliche Pfarrfrau.
 

Muss es deshalb heute heißen: Pfarrfrau im Sinne der Gleichberechtigung ist auch der Pfarrmann?

Seit 2019 benutzt der Badische Pfarrverein diese Bezeichnung „Pfarrmann“ auch in seinem jährlich neuen Pfarrkalender bei der Auflistung der „Heimgerufenen“.

 

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© Gerhard Schwinge